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Moderne Zeiten

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Published on May 4, 2011

Tanzstück von Jean Renshaw

Die englische Choreografin geht der Frage nach, welchen Preis die Menschen für ihren Wohlstand zahlen müssen, nachdem unser Wertesystem weitgehend vor dem Ausverkauf steht. Die Finanz- und Weltwirtschaftskrise von 2008/09 ist vermeintlich überwunden, aber die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt haben sich für die große Zahl der Lohnabhängigen nicht verändert.
Der gleichnamige Film "Modern Times" ("Moderne Zeiten") von Charlie Chaplin, eines der bedeutendsten Zeugnisse der Kinogeschichte, war Anknüpfungspunkt für Jean Renshaws Choreografie, wenn auch unsere heutige Welt sich fundamental von der Weltwirtschaftskrise von 1930, die für Chaplins Film maßgeblich war, unterscheidet. Bei Chaplin wird aus einem charmanten Vagabunden ein Fließbandarbeiter in der industriellen Welt. Die Maschine, an der er arbeitet, gibt den Takt vor, bestimmt Haltung und Bewegungsablauf, bis der Mensch von der Maschine ausgesaugt und schließlich verschluckt wird.

Über Jahrzehnte haben Publikum und Filmhistoriker "Moderne Zeiten" so gelesen - als Kampf des kleinen Mannes gegen das Ausgesaugtwerden vom industriellen Fertigungsprozess. Doch heute hat sich die postindustrielle Welt dramatisch gewandelt. Der Mensch wird im Fertigungsprozess nicht mehr ausgebeutet, sondern ganz abgeschafft. Die postindustrielle Gesellschaft des 21. Jahrhunderts hat dem Tramp keine Arbeit mehr anzubieten. Die Gesellschaft spricht nicht von Arbeitern sondern von Humankapital, das sich der gesteigerten Wettbewerbssituation in der durchglobalisierten Welt stellen muss. Hinzu kommt die skrupellose Gier von Profitsüchtigen im kapitalistischen System. Neben der Wegrationalisierung des Menschen steht die gleichzeitige Produktionssteigerung im Vordergrund.
Für den Vagabunden von heute müssen die Fließbänder immer schneller und effizienter laufen. Der Ausweg aus der postmodernen Arbeitshölle heißt, anders als bei Charlie Chaplin, der ein hoffnungsvolles Ende erlebt, nicht selten Selbstmord. In Frankreich kam es z.B. Mitte 2009 bei der France Télécom zu Selbstmordserien. 25 Beschäftigte machten in ihren Abschiedsbriefen direkt das unmenschliche Arbeitsklima bei France Télécom für ihre Entscheidung zum Freitod verantwortlich. Ein ähnlicher Fall ereignete sich beim in China ansässigen iPhone-Hersteller Foxconn. 2010 wählten dort aufgrund unethischer bis illegaler Arbeitsbedingungen mindestens 18 Menschen den Suizid.
Der Zusammenhang zwischen Arbeitsplatzverlust und Suizidentscheidung ist der Schlüssel zu Jean Renshaws "Moderne Zeiten"-Tanzstück, wodurch eine zugleich erschütternde wie eindringliche Betrachtung gegenwärtiger Lebenswelten zum Ausdruck kommt.

Jean Renshaw setzt mit "Moderne Zeiten" ihre regelmäßige Arbeit am Stadttheater Fürth fort. Als gefeierte Choreografin von "Wish you were here" (2004), "Könige" (2007) und dem Märchenballett "Des Kaisers neue Kleider" (2008) setzte sie Maßstäbe im Kulturforum und im Stadttheater. Als Regisseurin war sie in Fürth für die Musicals "Das Lächeln einer Sommernacht" von Stephen Sondheim (2006) und "Die letzten fünf Jahre" (2008) sowie für die Produktion "Love me Gershwin" (2010) verantwortlich.
Renshaw studierte klassischen Tanz in London. Ihr erstes Engagement führte sie als Tänzerin zum London Ballet Theatre. Es folgten weitere Engagements nach Darmstadt, Nürnberg und Wiesbaden. 1987 debütierte Renshaw als Choreografin am Theater Münster und wenig später am Theater Nürnberg. Jean Renshaw choreografierte u.a. in Karlsruhe, Wiesbaden, Mannheim, Erfurt, Braunschweig, in Amsterdam, Monte-Carlo und Innsbruck.

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