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Rote Wärmflasche tanzt

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Published on Feb 13, 2008

13. September 1979, proT, München, Isabellastr. 40

"Rote Wärmflasche tanzt" ist der Prolog zur Theaterproduktion: "Der Tieger von Äschnapur Drei oder Ich bin imbrünstig mein Alexeij Sagerer". Premiere am 14. Juli 1979, proT, München, Isabellastr. 40. (Kamera: Fips Fischer)

SZ, 16. Juli 1979 Feuilleton

Tieger von Äschnapur, drei

Alexeij Sagerer im proT

Alexeij Sagerer spielt mit seinem proT (Prozessionstheater) verrückt, phantastisch, radikal monomanisch. Da treibt einer Theaterbilder aus sich heraus, chaotisch perfektionierte, frech verhöhnende, schön komische, sucht Worte dazu, aber unter dem Druck der kunstvollen Anstrengung mißraten sie zu einem erschütternden Gestammel: über Theater, das durch Subventionen konsumierbar gemacht wird, ist kaum mehr etwas Treffendes zu sagen. Sagerer rennt mit einem von Mal zu Mal grimmiger werdenden Mut in seine Stückanfänge -- über die er nicht hinauskommt, nicht hinauskommen will, denn sonst geriete er in dramatische Zwänge, unter denen sich alles so leicht erklären läßt: Er zerreißt seine Zuschauer gerne -- wie in seinem neuesten „Tieger von Äschnapur"-Programm -- in diesem Möcht'-gern-was-nach-Hause-tragen-Bemühen; rechts zeigt er dem wie für eine Beschwörung sich gegenübersitzenden Publikum den brennenden „göttlichen Osterhasen"(aus Achternbusch), sich selbst dann als fanatisch durch den Wald rasenden Sandbahnfahrer, und links wirft er die alle Interpretation ad absurdum führenden Kommentare an die Wand, während der Alleindarsteller Sagerer im Wilderer-/Jägerkostüm fasziniert den Gang des Sekundenzeigers verfolgt: Sagerer, der „permanente" Tiegerjäger, der die bei Erfolg versprochene Prinzessin weiter denn je aus den Augen verloren hat. Oder ist dieser entsetzensvolle Kreuzigungsgang -- Sagerer macht ja Prozessionstheater -- wo man ihm das „Just married" ins Rückgrat gehauen hat, auch anders zu deuten (?!) --, daß er nämlich seine Prinzessin -- unglücklicherweise -- gewonnen hat.

Seit Anfang 1977, seit seiner ersten „Tieger von Äschnapur"-Prozession („Ich bin die letzte Prinzessin aus Niederbayern") rennt er seinem Jagdglück und dieser seiner Theater-Dulcinea nach, durch dick und dünn -- will sagen, volkstheaterkomisch und multimedial überspannt: Heute, bei seinem vierten „Tieger"-Lauf (der nullte wird mitgezählt) ist Sagerer grimmiger, radikaler und präziser in seiner Auseinandersetzung mit dem Theater als je zuvor. Den absurden Volkstheaterzauber -- den sein „Ensemble" so wunderbar augenrollend-dumpf beherrschte -- hat er sich mehr und mehr verkniffen und seine Theatergruppe hat er bis auf sich selbst abgebaut -- „Ich bin imbrünstig mein Alexeij Sagerer" nennt er ja deshalb diese Prozessionstheater-Folge -- wohl auch, um auf die, der Kunst gewiß nicht dienlichen Organisations-Subventions-Methode des neuen Stadtrats aufmerksam zu machen.

Sagerer verweigert sich dieser durch Aufwand zähmenden Vereinnahmung: Das freie Münchner Theater (die unabhängigen Bühnen) seien nicht entstanden, um nun mit angeblich das Überleben in Unabhängigkeit garantierenden Subventionen in Unfreiheit (die Gunst von Gönnern) zu geraten. Er ist auch nicht bereit, als Theaterlückenbüßer gegängelt zu werden und wehrt sich nun mit einem anarchistisch verspielten Mut zur selbständigen Theaterkunst. Theaterlücken, die durch ein fehlendes Volkstheater bestehen, sollen auf keinen Fall geschlossen, sondern zum „Durchsteigen benützt werden -- sagt und schreibt er -- oder wenigstens zum Durchschauen." Er will jedenfalls nicht „eingemauert" werden, will den Durchblick offen halten: Sein „Ich bin imbrünstig mein Alexeij Sagerer" ist radikales Total-Theater über das Theater, ist, unter dem Titel einer monomanischen Selbstbeschränkung, der Kampf gegen die Windmühlen theatralischer Eitelkeiten. Am Anfang kämpft er noch mit seiner grausam-komischen, oft ins Häßliche verliebten Phantasie: Da läßt er einen „kleinen Wassersack", auch als Wärmflaschen bekannt, von der Wand herunter eine köstlich auf Bedeutung getrimmte Blubberredearie „singen"; die windet sich, bäumt sich auf, plustert und plappert und schlägt einfach ihr Wasser ab, so daß Herkules Sagerer diesen Theaterstall mit wunderlich quietschenden Plastikschneeflocken auszumisten hat. Doch alle Kunstanstrengung will nichts nützen. Am Ende nach einer offen-bacchiadischen, von Alltagslärm martialisch gefährdeten Posaunerei, liegt Sagerers Tiegerjäger mit vor Anstrengung zerstörtem, schweißnassem Gesicht erschöpft „im Bett", über sich, übermächtig (als Film), an die Wand geworfen fast zwei Dutzend Münchner Theaterleiter bei ihren Interviewversuchen, sich auf Sagerers Fragen über ihr Theaterverständnis zu äußern; mit einem reinen, weißen Damastband knüpft Sagerer schließlich die Brücke zum blubbernden Beginn ... tsr

Mehr Informationen auf http://www.proT.de



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