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Erste Bierrede zur Kunst

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Am 13.02.2008 veröffentlicht

10. November 1979, proT, München, Isabellastr. 40.

"Erste Bierrede zur Kunst" ist ein Triptychon mit Rübenlandler - Erste Bierrede - Reine Musik aus der Theaterproduktion: "Der Tieger von Äschnapur Eins oder Ich bin die letzte Prinzessin aus Niederbayern". Premiere am 14.05.1977, proT, München, Isabellastr. 40 mit Cornelie Müller (Maharani), Agathe Taffertshofer (Bezaubernde Prinzessin) und Alexeij Sagerer (Dauernder Tiegerjäger). (Kamera: Fips Fischer)

Süddeutsche Zeitung, Münchner Kulturberichte, 28./29./30. Mai 1977

ALEXEIJ SAGERERS TRAUMSPIEL

Neue Comics im proT.

Agathe Taffertshofer - ich hoffe, sie verzeiht mir - hat nicht gerade die Statur einer klassischen Ballettänzerin; mit barocker Grazie aber schwebt sie zu Cornelie Müllers fanatisch rhythmisiertem Lautgestammel wie eine Fruchtbarkeitsgöttin durch den Kellerraum des proT. Die Überwindung der Schwer-Kraft wird mit einem vergnügten Lächeln und federnden Beinen als scheinbar mühelose Arbeit vorgeführt, und dazu flüstert eine Stimme aus dem Off suggestiv: "Gleich geht's los." Daß diese Verheißung keine Aussicht auf Erfüllung hat, kann niemanden mehr ernstlich stören; beide stehen am Ende des neuen Prozessionsspektakels des proT, das "Der Tieger von Äschnapur eins" genannt wird und sich damit deutlich von einem früheren, einmaligen Ereignis abhebt, das mit einer Null am Ende gekennzeichnet war. Zur genaueren Unterscheidung trägt es den Untertitel: "Ich bin die letzte Prinzessin aus Niederbayern." Man frage nicht, wie Äschnapur und Niederbayern, der Tieger und die Prinzessin zusammenpassen, nur soweit kann man sich deutend wohl ungestraft vorwagen, daß es sich hier - wie so oft bei Alexeij Sagerer - auch um "Ein Traumspiel" handelt, um einen wilden chaotischen komischen Comic über das "Interpretations-Theater". Da geht dann eben doch alles zusammen: Tanz - auch Sagerer legt mit seiner Puppenpartnerin einen hinreißenden Tango aufs Parkett - und sinister-weise Opernarien, Reportagen und Rüben, Bier und Sport, Sandbahnrennen und Tiegerjagd, Nonsenseverse und melancholische Hackbrettlieder - Cornelie Müller, der gute Geist des proT, singt sie mit Engelszungen -, Film und eine Szene, die die schönste genannt wird und in der nichts, absolut nichts passiert. Nun denke man nicht an den berühmten irischen Dramatiker, aber mit Achternbuschs Phantasie und mit - ja doch! - mit Valentins radikaler Verweigerungsneugier, hat das schon etwas zu tun; aus dem Banalen erblühen die verrücktesten, wahnwitzigsten Träume, die darin gipfeln, daß man in Ruhe sein Bier trinken will; für alles - auch für die Rübenszene - gibt es eine Erklärung, die nichts als die Unerklärbarkeit erklärt: Über Plattling führt eben keine Weg nach Eschnapur, warum also nicht träumen, daß man eine Maharani, eine bezaubernde Prinzessin und ein mit goldenem Lorbeerkranz geehrter Tigerjäger ist - auch wenn man weiß, daß man nie zum Schuß kommt, weil der Regen das Jagdwild vertreibt. So einfach ist das, sich mit seinen vergeblichen Hoffnungen zufriedenzugeben, und um so fanatischer übt man sich für den Ernstfall in So-würde-ich-es-machen-Phantasterei; sich auf einer haltlosen Unterlage immer im Kreise drehen in der Hoffnung auf ein heldenhaft glückliches Ende - ohne einen Anfang zu finden: die absolute Lethargie, die sich in sinnlosen und gar nicht so ungewöhnlichen Aktivitäten austobt. "Ein Schauspieler, dem nichts mehr einfällt, muß viel trainieren" - Sagerer führt das auf schweißtreibende und komische Weise vor und ad absurdum. Und er philosophiert als sprachgehemmter Artikulationsfanatiker über die Gerechtigkeit und sein "reines" Theater (weil man die "reine" Spielzeit zählt), über die Kunst und was sie so schwer verständlich macht (die leidige Suche nach einer tieferen Bedeutung!). Ein unmögliches Theater, um auf den Polen Kantor zu verweisen; in seiner scheinbar chaotischen, wahnwitzigen Spiellust ist die proT-Gruppe unter den deutschen Experimentiertheatern sicher eine der ernst zu nehmendsten; ein Theater, das sich sicher nicht in den üblichen Kunstgenußrummel eingliedern läßt...

THOMAS THIERINGER

Mehr Informationen auf
http://www.prot.de/BLAU/KOMPAKTBIOGRA...



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