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Küssende Fernseher - 10.07.1987 documenta 8

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Published on Jan 2, 2008

10. Juli 1987, 18 Uhr
documenta 8, Reihe "Technik und Medien", Renthof, Kassel

Küssende Fernseher von Alexeij Sagerer bei "Documenta Live - Technik und Medien". In einer 400 qm großen und 10 m hohen Halle hängen, stehen und liegen 40 Fernsehapparate. Nach einer festgelegten Choreographie produzieren die Apparate ihre Bilder, tönen, schwingen, pendeln, fallen und implodieren. Die Öffnung der Guckkastenbühne mit Franz Lenniger und Werner Eckl.

EXPLOSIVES MATTSCHEIBEN-BALLETT

DachauerStraße: Sagerers "Küssende Fernseher"

Im dunklen Ziegelwand-Schuppen an der Dachauer Straße, einem von der Bundeswehr (zugunsten pflegeleichter Neubauten) verlassenen Stall, leuchtete fremd, kaltweis und wundersam das Licht von einem runden Dutzend Schwarzweiß-Fernsehern. Am Heiligen Abend präsentierten Alexeij Sagerer und sein proT-Ensemble ihr Medienspektakel "Küssende Fernseher".

Einzelne Lichter in der verlassenen Schuppenstadt an der Dachauer Straße: Der Zirkus "Atlas" (angenehme Erinnerung ans vergangene Theaterfestival) schlug hier mit Mensch und Tier sein Winterquartier auf. Aus Autos winden sich vermummte Menschen - reichlich hundert mögen es sein, viele bekannte Gesichter -, drängen sich in die Halle, wo die Fernseher fern und schwerelos von der Decke baumeln. Sie machen, bei vier laufenden Programmen, ihr eigenes Medienlicht. Sie schweben, plappern, rastern unartig, singen, predigen. Durcheinander, übereinander, nach allen vier Himmelsrichtungen, vermischt mit schriller, dann zarter werdender proT-Musik.

Das sind keine laufenden Programme mehr, an denen man sich festhalten, denen man (mit der Dabei-sein-Illusion) beiwohnen kann. Das Medium hat sich auf so irreale wie wahnsinnige Weise selbständig gemacht: Die da, an der Wand lang, hin- und hinaufstarren, wirken wie ein inneraustralischer Eingeborenenstamm, der ein fremdes, beängstigendes Wunder bestaunt. Indes die daheim einfach einschalten, Du sagen zu ihrer Mattscheibe.

Sagerer hat den TV-Alltag kunstvoll verfremdet, benutzt die Apparate als Akteure. Arm, weil sie nichts sind ohne Fütterung, wundersam, wenn man sie nicht versteht. Berühren (küssen - welch altmodisches Wort) können sie sich nur durch Menschenkraft. Und wenn sie sich richtig anfassen wollen - dann explodieren sie. Gewalt ist im Spiel, furchtbare Energien: küssen unmöglich. Dies die metaphorische Pointe. Nach dem Kunstknall war man erleichtert, bekannte Gesichter zu sehen, Menschen noch begrüßen zu können ...

INGRID SEIDENFADEN, AZ, 27. Dezember 1983

Informationen zu „Küssende Fernseher":
http://www.prot.de/ROT/THEMEN_ROT/KUE...



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