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Wegbrechen des Arbeitsmarktes führt zur Demotivation

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Published on Sep 5, 2013

Radiointerview vom 05.09.13

Gerade hat das Bundeskabinett die geplante Erhöhung der Hartz-IV-Sätze um 2,3 Prozent gebilligt. Für Alleinstehende gibt es Anfang kommenden Jahres monatlich 391 Euro. Ob das ausreicht? Nach einer neuen Studie der Universität Jena schränkt Hartz-IV Betroffene nicht nur finanziell ein. Über die Folgen von Hartz IV für den Alltag hat SWR2-Impuls mit Arbeitssoziologe Klaus Dörre gesprochen.

Hartz IV wird von Leuten bezogen, die sich aus eigener Kraft keinen Lebensunterhalt sichern können und das wird in der Mehrheitsgesellschaft nicht anerkannt. Es wirkt stattdessen wie ein negativer Stempel, der allen Beziehern von Hartz IV aufgedrückt wird - unabhängig aus welchem Kreis und mit welcher Qualifizierung sie kommen.

Bei der Mehrzahl der Leistungsbezieher wirkt das sogenannte "Fordern und Fördern". In unserer Studie, die auf sieben Jahre angelegt war, betrachten wir einerseits, welche Vorstellungen von Tätigsein die Betroffenen haben. Das müssen nicht zwingend bezahlte Tätigkeiten sein, auch soziales Engagement fällt darunter. Andererseits schauen wir, wie stark bestimmte gesellschaftliche Arbeitsnormen verinnerlicht worden. Fallbezogen wird dann die tatsächliche Verwirklichung im individuellen Lebensentwurf ermittelt.

Davon ausgehend haben wir drei Typen von Erwerbsorientierung gebildet: Typ Eins ist der "Um-jeden-Preis-Arbeiter". Sie nehmen nicht alles an, wie es die Hartz-IV-Logik im Grunde fordert, sondern sie stellen durchaus inhaltliche Ansprüche. Ihrem Verständnis von Arbeit nach, sollte diese den eigenen Status erhalten oder verbessern. Das Fordern und Fördern geht an ihnen vorbei, denn sie sind schon aktiviert.

Typ Zwei sind die "Als-ob-Arbeiter", also Leute, die objektiv auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance mehr haben, die bestenfalls eine "Maßnahmekarriere" hinlegen, aber trotz Um- oder Weiterqualifizierungenen, über kurz oder lang ALG II beziehen müssen. Da sie die erwünschte reguläre Beschäftigung normativ erreichen wollen aber nicht können, tun sie so als ob und identifizieren sich mit dem 1-Euro-Job oder dem Ehrenamt wie mit einem regulären Job. Im Extremfall geht dieser Typ früh mit der Aktentasche aus dem Haus, über Jahre, und nicht mal die Kinder wissen, dass die Arbeit längst gekündigt wurde.

Der dritte Typ sind die „Nicht-Arbeiter", acht bis zehn Prozent, die aus der Not eine Tugend machen und sagen: 'Wir wollen auch nicht arbeiten.' Diese Gruppe ist sehr heterogen und umfasst sowohl den jugendlichen Punk als auch die Familie mit Kindern, die mit Hartz IV mehr verdient als über den prekären Job, für den real noch eine Chance bestünde.

Das ist genau der Punkt. Trotz aller Anstrengungen ist es nur fünf der Befragten -- und wir haben zwei Drittel Qualifizierte - innerhalb der letzten sieben Jahre gelungen, einen Arbeitsplatz zu bekommen. Obwohl die Mehrzahl in diesem Zeitraum zwar enorme Bewegungen mitmacht, wird der Sprung in die sichere Beschäftigung meist nicht geschafft. Sie bewegen sich wie in einem Hamsterrad und bleiben am Ende doch auf der Stelle.

Als erstes müssen die Sanktionen gegen Hartz-IV-Bezieher ausgesetzt werden. Dieser kostspielige Überwachungsapparat, der selbst die privatesten Lebensvollzüge dieser acht bis zehn Prozent kontrolliert, ist unverhältnismäßig. Eine reiche Gesellschaft wie unsere muss auch jene Mitglieder, die ökonomisch nicht mehr gebraucht werden, aushalten. Für den anderen Teil jedoch bedeuten diese Maßnahmen eine Drangsalierung. Sie widersprechen der Anforderung, das Leben in die eigene Hand zu nehmen. Als Zweites müssen die Fallmanager und Arbeitsvermittler qualifiziert werden, um am Einzelfall ansetzen zu können. Dazu müssen natürlich auch die finanziellen und materiellen Ressourcen anders verteilt werden: Wenn auf eine Betreuerin über 120 Leistungsempfänger kommen, ist das nicht zu schaffen. Drittens muss die Gruppe der sozialen Berufe aufgewertet werden und Arbeitslose verstärkt für diese qualifiziert werden.


Klaus Dörre ist Arbeitssoziologe an der Universität Jena und Mitautor des Buches "Bewährungsproben für die Unterschicht? Soziale Folgen aktivierender Arbeitsmarktpolitik".

Quelle = http://www.swr.de/swr2/wissen/studie-...

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