Uploaded by FrF130 on Sep 8, 2010
Trailer zur Inszenierung "Achill in modern wars" von Frank Raddatz (2008)
nach Jonathan Shays und Homer
In der Ilias beschreibt Homer die Wandlung Achills vom vorausblickenden Krieger in eine aus allen Fugen geratene Kampfmaschine, der das Töten nicht mehr militärisches Mittel sondern Selbstzweck geworden ist. Auslöser für dieses andauernde Berserkertum ist die Tötung seines Freundes Patroklos durch Hektor. Ein Tod, an dem sich Achill mitschuldig fühlt. Einen Höhepunkt von Achills Rachezug bildet die Schändung der Leiche des Hektors. Doch so wenig dadurch die Schuldgefühle verlöschen, so wenig verraucht die Wut. Schließlich weist Homer modellhaft den Weg der Versöhnung aus dem psychischen Dilemma. Einen Weg, den der moderne Soldat kaum noch zu gehen vermag. Den Schilderungen des blinden Sängers stellt der amerikanische Psychiater Jonathan Shay in seinem Buch Achill in Vietnam eindrucksvoll die Erinnerungen traumatisierter Veteranen an ihre Kampfeinsätze in den Kriegen der Moderne zur Seite. Doch neben vielen Parallelen zwischen Shays Patienten und dem Protagonisten Homers, die zeigen, dass sich an den grundlegenden Mechanismen des Krieges in den letzten 3000 Jahren wenig geändert hat, wird auch ein entscheidender Unterschied deutlich. Soll es im „Bewußtsein der gemeinsamen Ausgesetztheit" (Wolfgang Schadewaldt) Achill schließlich doch gelingen, inmitten des tosenden Krieges mit menschlichem Maß zu messen, vermag die Moderne das Menschliche im Antlitz des Feindes nicht mehr zu erkennen.
Der Feind erweist sich als der blinde Fleck der Moderne, lässt sich einer der Ausgangspunkte der Performance Achill in Modern Wars pointieren. Eine Aufführung, die im Kontext des fortschreitenden Abbaus zivilisatorischer Regeln in der jüngsten Geschichte den Blick auf das Verhältnis zum Kontrahenten lenkt, das sich unter den Vorzeichen des „Krieges gegen die Achse des Bösen" fast täglich radikalisiert. Selbst noch die Unschuldsvermutung, nach den Tagen von Hexenverfolgung und Inquisition unverzichtbarer Bestandteil bürgerlicher Rechtsprechung, wird gegenwärtig von staatlichen Organen in Frage gestellt.
Die Performance „Achill in Modern Wars" collagiert Reflexionen der aktuellen Situation eines traumatisierten Veteranen mit Erinnerungen an die Metamorphosen, die er im Krieg durchlebte und die ihn immer noch heimsuchen. Das authentische Material wird mit Passagen aus der Ilias kontrapunktiert bis die Verbindung des authentischen Materials mit der dichterischen Wahrheit unangenehme Gewißheiten über die Beschaffenheit und das Ungenügen der Moderne eröffnet.
Unter der künstlerischen Leitung von Frank Raddatz kommen in einem Cross-Over-Projekt verschiedene Künste in einem Raum des bildenden Künstlers Eduard Winklhofer zu einer Performance zusammen. Die filmischen Sequenzen verantwortet die Filmregisseurin Birgit Großkopf.
In der Rolle des Veteranen ist Götz Argus zu sehen, der zuletzt als Titelfigur in der Inszenierung König Ödipus des japanischen Regiestars Tadashi Suzuki am Nationaltheater in Tokyo internationale Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Er wird begleitet von der New Yorker Performerin Okwui Okpokwasili, die sich unter anderem 2005 neben Nicole Kidman in The Interpreter oder 2006 neben Richard Gere in Hoax bewiesen hat und zur Spielzeiteröffnung mit der International WOW Company in „Death of Nations (Part V): Heimwehen" am FFT das Publikum begeisterte. Gemeinsam suchen sie einen Weg aus einer Landschaft des Tötens, der sie in die Innereien der abendländischen Zivilisation und zu deren Ursprüngen führt.
Künstlerische Leitung & Buch: Frank Raddatz
Regie: Hüseyin Michael Cirpici / Frank Raddatz
Bühne: Eduard Winklhofer
Kostüme: Isa Dorn
Video: Birgit Großkopf
Mit: Okwui Okpokwasili, Götz Argus
Produktion: Frank Raddatz, Koproduktion: FFT
Gefördert durch: Kulturamt der Stadt Düsseldorf, Fonds Darstellende Künste e.V., Kunststiftung NRW
Zum Thema des Stücks fand begleitend am 2.6. eine Diskussionsveranstaltung statt: Politik der Feindschaft
FFT Juta | 2., 6., 7., 8.6. | 20.00h
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