Uploaded by Schmarrerpfitt on Mar 5, 2010
Ein Pfarrer der Seemannsmission kämpft
gegen Folgen der Wirtschaftskrise
ZDF Dokumentation von Anne Walkembach/Kurt Diehl
Rund 150 Containerschiffe liegen fest in der Straße von Malakka vor Singapur. Grund ist die Wirtschaftskrise: Wo weniger konsumiert und produziert wird, da wird auch weniger transportiert. Die Besitzer der Schiffe sind häufig verschuldet, manche sogar untergetaucht. Mehrere hundert Besatzungsmitglieder sitzen fest. An Land dürfen sie nicht, die Frachter sind für sie Gefängnisse auf dem Wasser. Seemannspfarrer Christian Schmidt hilft in der Not.
Früher begleitete Christian Schmidt die Menschen von der Taufe bis zur Bahre. Er war Pfarrer in Franken, in einer Bilderbuch-Gemeinde, wie er sagt. Weil es ihm langweilig (Erfindung des ZDF! Anm. Pfarrer Schmidt) wurde, tauschte er seine Pfarrstelle gegen einen Job bei der Seemannnsmission. Jetzt braucht er für seine Arbeit Bibeln in allen Sprachen, Zeitschriften, Hustensaft und Seife. Seine Gemeinde sind ungefähr 400 Seeleute. Christian Schmidt begleitet sie durch die Welt-Wirtschaftkrise.
Die Globalisierung lief heiß, viel zu heiß. Jetzt gibt es zu wenige Aufträge für zu viele Schiffe, Hunderte von Frachtern wie die Karla Omayra sind kalt gestellt. Der Besitzer ist verschuldet und untergetaucht. Als Folge der Wirtschaftskrise ist auch der Welthandel und damit der Schiffsverkehr deutlich zurückgegangen. Jedes zehnte Containerschiff ist mangels Aufträgen stillgelegt. Und auch die deutschen Werften klagen über Rückgänge und Stornierungen der Bestellungen von neuen Containerschiffen.
Ein Gefängnis auf dem Wasser
Die 16 Mann Besatzung der Karla Omayra dürfen das Schiff nicht verlassen. Seit Februar liegt das Schiff vor Singapur, die Männer an Bord sind zum Teil seit letztem Herbst ohne Lohn und waren zwischenzeitlich auch schon ein paar Tage gänzlich ohne Sprit und ausreichend Wasser. Die Seeleute hoffen, dass jemand das Schiff samt ihrer Löhne kauft - nur ist das Schiff vergleichsweise alt, und es gibt in der Krise viel zu viele Schiffe und zu viele Neubestellungen, als dass die Hoffnung in Erfüllung gehen kann.
So können sie gar nichts tun, noch nicht mal an Land gehen. Denn sie haben kein Visum. Das Schiff ist für sie ein Gefängnis auf dem Wasser und Pfarrer Schmidt eine Brücke zur Welt und ihr menschlicher Rettungsanker, damit sie nicht durchdrehen: "Man stelle sich nur vor, Opel würde zugeschlossen, alle Mitarbeiter müssten drinnen bleiben, die Telefonleitungen würden gekappt, und auch die Versorgung mit Essen wäre nicht mehr gesichert. Das ist ungefähr die Situation vieler Schiffe hier vor Ort", beschreibt Schmidt die Lage.
Eine Brücke zur Welt
Pfarrer Schmidt ist ein willkommener Gast an Bord, und seine Mitbringsel sind immer Grund zur Freude: echter Bohnenkaffee für den Kapitän und internationale Telefonkarten für die Seeleute. So können sie zumindest mit ihren weit entfernten Familien sprechen, für die das ausbleibende Geld noch größeres Leid bedeutet.
Die Seeleute stammen von den Philippinen. Dort fängt das neue Schuljahr bald an, und ohne das Geld der Väter werden die Kinder dieses Jahr nicht in die Schule können: "Wir hoffen so sehr, dass das hier bald vorbei ist. Wir beten dafür. Aber manchmal reicht das nicht. Es ist hart, vor allem finanziell: Die Familie eines Kollegen verliert ihr Haus, weil er keine Miete zahlen kann. Der Sohn von diesem Mann kann dieses Jahr nicht in die Schule, weil das Geld für die Gebühren fehlt", erklärt einer der Seeleute.
Ankerplätze des Glaubens
Die Arbeit auf den Weltmeeren war schon immer hart. In vielen Häfen bieten Seemannsmissionen kleine Ankerplätze des Glaubens. Das gemeinsame Tischgebet ist dabei für den Seemannspfarrer kein Konzept, sondern oft eine Notwendigkeit.
Die Idee zur Gründung der Deutschen Seemannsmission stammt von Pastor Johann Hinrich Wichern, der auf dem ersten Kirchentag 1848 in der Lutherstadt Wittenberg den entscheidenden Impuls gab. Die erste Seemannsmission wurde dann in Großbritannien gegründet von deutschen Auswanderern, die in den dortigen Hafenstädten eine neue Heimat gefunden hatten. Die Initiative "missions to seaman" in England diente als Vorbild zur Gründung der Seemannsmission in Deutschland.
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