Stare über Berlin

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Uploaded by on Nov 10, 2010

Stare über Berlin
- ästhetische Analogien des Vogelsangs
von Tilman Küntzel 2004

Alljährlich bis zu 40.000 Stare im Zentrum Berlins
auf der Museumsinsel zwischen Dom und Friedrichsbrücke.
Durch Filmaufnahmen aus dem Jahre 1914 lässt sich belegen, dass sich schon in jenem Jahr ein großer Schwarm Stare in der Dämmerung auf der Museumsinsel in dem Kastanienhain zwischen Dom und Alter Nationalgalerie niedergelassen hat. Seither begeistern sich die Berliner sowie zufällig anwesende Touristen an dem allabendlich stattfindenden Schauspiel, wenn sich bis zu vierzigtausend Stare aus kleinen Gruppen mit einer scheinbar kunstvollen Choreographie zu einem großen Schwarm zusammenfinden und beim Umrunden der Domkuppel faszinierende Flugbilder kreieren, bevor sie in die angestammten Schlafbäume einfliegen und dort bis in die Nacht hinein konzertieren.
Im Sommer kann man sich von dem öffentlichen Interesse an diesem Ereignis im Herzen Berlins überzeugen; davon, wie viele Bürger Berlins dieses Schauspiel kennen und ihm bereits seit Jahren zuschauen und ihre eigenen kleinen Weisheiten dazu entwickelt haben.
Berlin hat dabei noch Glück, denn die Ansammlungen der Stare können auch zur Plage werden, wie das Beispiel Rom zeigt. Anstatt weiter nach Afrika zu fliegen überwintern die aus Schweden kommenden Stare seit einigen Jahren dort. Im Zentrum der Stadt nahe dem Hauptbahnhof, vorwiegend aber im Prati Distrikt zwischen Tiber und Vatikanstatt, verbringen bis zu vier Millionen Tiere Abend für Abend ihre Nachtruhe. (Die Einwohnerzahl Roms beträgt 3 Millionen.) Auch hier umrunden sie in einem großen Schwarm kurz vor dem Einfallen in die Schlafbäume eine große Domkuppel - die des St. Peter Doms.
In den USA sind die Stare als Immigranten ebenfalls bereits zu ungeliebten Gästen geworden. Eingeführt wurde der Sturnus Vulgaris (lat.: Europäischer Star) dort erst Ende des 19. Jahrhunderts von dem Industriellen und Shakespear-Fan Eugene Schieffelin, der alle Spezies, die in Shakespears Werken vorkamen, nach Nordamerika importierte. So wurden 1890 und 1891 insgesamt 100 Exemplare der Stare im New Yorker Central Park ausgesetzt. Heute ist die Population auf 200 Millionen Exemplare angestiegen, die andere Höhlenbrüter vertreiben und dadurch teilweise zum Aussterben bringen.
Ist darin eine Parallele zur Erfolgsgeschichte des Homo Sapiens zu sehen, der ebenfalls durch seine sprachlichen Fähigkeiten soziales Verhalten perfektionierte und so zum erfolgreichsten Lebewesen der Erde aufsteigen konnte?
Die Fähigkeit, das Verhalten von Artgenossen nachzuahmen, galt lange Zeit als eine besondere Domäne des Menschen. Dies macht es heute wichtig zu klären, wie auch Tiere Imitationsleistungen erbringen und welche Gedächtnismechanismen dafür erforderlich sind.
Stare, die in freier Wildbahn aufwachsen, imitieren die Rufe anderer Vögel und mischen diese in ihren Gesang mit stareigenen' Elementen. Stare machen keine selektive Unterscheidung zwischen Klangereignissen, die sie wahrnehmen und nachahmen. So imitieren jene, die in freier Natur aufwachsen, neben anderen Vögeln auch Hundegebell, das Gackern von Hühnern oder das Röhren der Hirsche. Entsprechend ahmen die in städtischen Gebieten aufwachsenden Tiere zivilisatorische Geräusche nach, mit denen sie hier konfrontiert werden. Da Stare Höhlenbrüter sind, wachsen sie oft in unmittelbarer Nachbarschaft zum Menschen in Brutkästen oder Asthöhlen in Gärten, Parks und in Mauerspalten der Häuser auf und nehmen so Geräusche wie Stimmen, Husten oder Niesen der Bewohner, Hunde, Radiosender, Telefonapparate, Autohupen, Martinshörner und Flugzeuglärm wahr. Die Kakophonie' an den Sammelplätzen, wie die am Dom, müsste also entsprechend diverse Imitationen von Zivilisationsgeräuschen aufweisen.
Die Imitation von Stimmen und Geräuschen der Umwelt müsste demnach die Umgebung, in der die Stare leben, reflektieren. Durch die Wanderfreudigkeit der Vögel werden Klangsphären vermischt. Eine Verschiebung lokalspezifischer Klänge durch Stare findet statt, ohne dass die Menschen Anteil, Kontrolle oder Einfluss darauf hätten.
Um einen Eindruck vom Spektrum der Stimmfähigkeiten des Stares zu bekommen, recherchierte ich im größten Tierstimmenarchiv Deutschlands, das eine der ältesten und umfangreichsten Sammlungen von Lautäußerungen durch Tiere beherbergt. Hier finden sich über 40 Tonaufnahmen von Staren, unter anderem eine Schallplatte aus Russland, auf der ein Russisch sprechender Star zu hören ist. Über den kommissarischen Leiter des Archivs, Herrn Dr. Frommolt, kam ich zudem in Kontakt mit dem Cornell Laboratory of Ornithologe in Ithaka (New York), wo Gregory Budney die "Macaulay Library of Natural Sounds" kuratiert. Auch hier existieren über 50 Samples von Star-Stimmen, die nunmehr kopiert und "Stare über Berlin" zur Verfügung gestellt wurden.

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All Comments (2)

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  • schade dass die Auflösung so gering ist. Eigentlich sieht man nur ein Flimmern und nicht wirklich Stare.

  • wow, super Aufnahmen !!!

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