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Bertolt Brecht "An die Nachgeborenen" - Autorenlesung

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Uploaded by on Jul 1, 2008

Rezitation: Bertolt Brecht (Aufnahme 1953)
Ein seltenes., sehr wertvolles Tondokument. Ich möchte hier wieder die Möglichkeit, geben neben den Eindrücken von Stimme, Text und Bild, noch eine Facette hinzufügen: die Möglichkeit des Vergleichens der Stimmen.
Ich Danke dem Hörverlag ganz besonders für diese beeindruckende CD „Bertolt Brecht an die Nachgeborenen", zu bestellen in jeder Buchhandlung. Eine Investition in den eigenen Kopf deren Rendite in Prozentwerten nicht zu beschreiben ist.
Rezitation von: Therese Giese (als Vergleichsmöglichkeit zur Stimmempfindung)
http://de.youtube.com/watch?v=wyqeGqsV04Q

Text:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.
Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?
Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.)
Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.
Ich wäre gerne auch weise.
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
II
In die Städte kam ich zur Zeit der Unordnung
Als da Hunger herrschte.
Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs
Und ich empörte mich mit ihnen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.
Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten
Schlafen legte ich mich unter die Mörder
Der Liebe pflegte ich achtlos
Und die Natur sah ich ohne Geduld.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.
Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit.
Die Sprache verriet mich dem Schlächter.
Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden
Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.
Die Kräfte waren gering. Das Ziel
Lag in großer Ferne
Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich
Kaum zu erreichen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.
III
Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.
Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.
Dabei wissen wir doch:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.
Ihr aber, wenn es so weit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unserer
Mit Nachsicht.

Bilder:
Hans Baluschek -1870 Breslau bis 1930 Berlin -
(Bildtitel in der Reihenfolge ihres Erscheinens im Video)
Auf der Suche
Der gute Kamerad
Die Strafe
Dirnenwinkel
Feierabend
Haftlokal
Krüppel mit Blumen
Mittag bei Borsig
Onkelchen
Proletarierinnen
Sommerabend
Zukunft
Foto Bertolt Brecht

Category:

Entertainment

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Standard YouTube License

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Uploader Comments (wortlover)

  • Ich bin sowas von umgehauen. Seine Stimme diese ,,Schwäche" so wie es das Gedicht vermittelt, wie alt war er zur Zeit der Lesung?

    Also ich bin begeistert und werde wahrscheinlich deiner Empfehlung folgen...

    *Nochmal anmach, es ist so bewegend... vorallem weil es grad wieder geschieht: Gaza etc. "

  • Die Aufnahme ist vom 13.12.1953, also war Brecht, geboren am 10.02.1998, 55 Jahre alt.

    Und noch voller Eindruck des vergangenen Krieges.

  • @wortlover * 10.02.1898

  • @goerdi11 :-) sorry, mein Fehler, man sollte schon drauf achten was man schreibt.

    Asche auf mein Haupt.

  • Kann mir jemand sagen, was das für Bilder sind, die den Text untermalen?

  • ja,das kann ich. Hans Baluschek heisst der Maler. Das kann man auch nachlesen neben dem Video ist ein Kasten. Dort steht weitere Informationen, bitte klicken und dann steht da alles notwendige.

Top Comments

  • 5 Sterne, Favoritisiert und das mit wahrscheinlich größter Gewissheit, mit der ich je einen Clip hier bewertet habe.

  • @kraber12345 wie kannst du dich über bert brecht erdreisten.... elender. sieh den mal in dem geist siener zeit, dann verstehst (ich glaub zwar nich) was er meint. dreigroschenoper, ein tip für alle!!!! euch gehts viel zu gut im kapitalismus

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All Comments (78)

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  • @TibGabinius ja, auch die Aktualiät von: "der dort ruhig über die strasse geht / ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde, die in Not sind". Ergreifend, das "...gedenket unser mit Nachsicht." Erst im Alter bin ich mir seiner tiefen Humanität gewahr worden.

  • Ja die Stimme ist beeindruckend. Er klingt ein bisschen wie der jetzige Papst. Und dabei war er ein unglaublicher Ficker.

  • vielen Dank für dieses Dokument. Ich war und bin eigentlich kein Brecht-Freund, aber dieses Gedicht, von ihm auf diese Weise vorgetragen...

    Ich finde vor allem die ersten Sätze erschreckend aktuell, und das hielt er mit Sicherheit nicht für möglich...

  • gerade der Schluß scheint mir zu optimistisch - die 1919 abgeschlachteten, 1934 ausgerotteten und ab 1946 /56 verbotenen und schmählich gemachten Ideenträger des Sozialismus scheinen nun tot zu sein - Die Frage "Sozialismus oder Barbarei" stellt sich fast nicht mehr. Das Kapital ist heute nicht mehr national, die ersten echten Weltwirtschaftskrisen und echten Weltkriege stehen uns noch bevor und danach - falls das überlebt wird, wird nur noch ein moderner Faschismus bleiben.

  • Realmente, vivo em tempos sombrios! A inocência é um absurdo. A testa lisa Indica insensibilidade. Aquele que ainda ri é porque ainda não recebeu a terrível notícia Que tempos são esses, quando falar sobre flores é quase um crime. Pois significa silenciar sobre tanta injustiça? Aquele que cruza tranqüilamente a rua Não está fora do alcance de seus amigos Necessitados? É verdade: ainda ganho meu pão Mas acreditem: é por acaso. Nado do que eu faço Dá-me o direito de comer quando
  • @drgorgas Chapeau!!!!!

  • ich fand kinskis vortragsweise besser. schon merkwürdig... kommen die worte doch eigentlich von brecht.

  • @NiZumaBujinkan

    du kleiner Wicht beschäftige dich mal mit Bertolt Brecht und lern was Respekt bedeutet

  • @NiZumaBujinkan Was ist das für einen Witz?

  • @NiZumaBujinkan Sei nicht so respektlos..

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