Es war ein Glücksfall, der 90-jährigen Aurikel zu begegnen. Sie ist die Tochter vom Schriftsteller Norbert Jacques, dem Erfinder der literarischen Figur Dr. Mabuse. Als sie mir ihre Familiengeschichte erzählte, war ich von ihrer Kraft beeindruckt. Ihre Sprache und Ausstrahlung machen den Zeitgeist der vergangenen Jahrzehnte spürbar. Sie ist eine der letzten Zeitzeugen, die den Zweiten Weltkrieg als Erwachsene miterlebte und den Antisemitismus am eigenen Leib erfahren musste. Mich faszinieren die mündlichen Überlieferungen innerhalb von Familien. So stellt in meinem Film Aurikels viel jüngere Halbschwester Bibiane die Fragen. Sie muss sich mit ihrer Familiengeschichte auseinandersetzen und muss als Konsequenz ihr Bild des Vaters hinterfragen. Aurikels Erlebnisse gehen jedoch über das Private hinaus, darum stellt sich für uns alle die Frage: Wie hätte ich gehandelt? Es ist nicht einfach zu entscheiden, wann menschliches Versagen zum unverzeihlichen Verrat wird. Aurikels Geschichte führt zu einer unmittelbaren Auseinandersetzung mit den Fragen nach Moral, Handlungsspielräumen, Lebensentwürfen und persönlichen Schicksal. Darum bin ich der Meinung, dass diese Geschichte nicht verloren gehen darf.
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