»Stempellied« .. Moritat w engl CC .. Ernst Busch 1929

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Uploaded by on Jan 6, 2008

«Not a sixpence in the pocket, only an unemployment compensation title ...» [_unemployed man's unfair exit_]

— »Stempellied« —
— Berlin couplet 1929 ——
Keenen Sechser in der Tasche,
bloß 'n Stempelschein.
Durch die Löcher der Kledage
kiekt de Sonne rein.
Me'sch, so stehs'de vor der Umwelt
jänzlich ohne was,
wenn dein Leichnam plötzlich umfällt,
wird keen Ooge naß.
Keene Molle schmeißt der Olle,
wenn er Dir so sieht.
Já! - Die Lage sieht sehr flau aus,
bestenfalls im Leichenschauhaus
haste noch Kredit.

Stells'de Dir zum Stempeln an,
wird det Elend nich' behoben.
Wer hat Dir, Du Armermann,
abjebaut so hoch da droben?

Und so kieken Dir de Knochen
sachte aus der Haut,
und Du bist in wenigen Wochen
völlich abjebaut,
und Du koofst Dir een paar Latten
für 'ne letzte Mark,
denn für eenen dünnen Schatten
reicht'n dünner Sarg.
Nur nich' drängeln -)ZU DEN ENGELN(-
kommste noch zur Zeit:
»Hol—de Ra—tio—na—li—sie—rung«
singt Dir de Jewerkschaftsführung
sinn'ich zum Jeleit.

Stell Dir vorsichtshalber dann,
gleich zum Stempeln an - auch oben,
denn Du bleibst - als Armermann -
abjebaut auch hoch da droben.


Text (Robert Gilbert) und Vertonung (Hanns Eisler) des Couplets sind zur Zeit der Weltwirtschaftskrise und Dreigroschenoper in Berlin entstanden.
In der mittleren Strophe ist von »Obdachlosigkeit« (»ohne Bleibe«) die Rede. Sie wird - da überwunden [geglaubt] - vom Barrikadentauber nicht extra mitbesungen:

»» Ohne Arbeit, ohne Bleibe
biste null und nischt.
Wie 'ne Fliege von der Scheibe
wirste wegjewischt.
Ohne Pinke an der Panke [Pranke?]
stehste machtlos da,
und der Burschoa sagt: Danke!
rückste Ihm zu nah.
Äußerst schnell schafft
die Jesellschaft Menschen uff'n Müll.
Wenn de hungerst, halt de Fresse,
- denn sonst kriegste 'ne Kompresse.
Und das mit Jebrüll.

Stellste Dir zu pampich an,
setzt et jleich'n Wink von oben --
denn es hab'n Dich Armenmann
abjebaut die hoch da droben. ««


Wer von »Arbeitslosigkeit« reden will, soll auch über »Obdachlosigkeit« reden. Wer jedoch darüber wohlweislich schweigt, soll auch nicht von »Arbeitslosigkeit« reden.
Das »Stempellied« ist also mitnichten »DAS Lied der Arbeitslosen«, allenfalls aber »EIN Lied der Arbeits- UND Obdachlosen« [ • • • melancholic lyrics of Otis Ray Redding in «(Sittin' On the) Dock of the Bay»].

------ V O K A B U L A R I U M ------

STEMPELN gehen (veraltend): Arbeitslosenhilfe (»Stütze«) beziehen. Stempelkarte (früher): Stempelgeldbezieherkarte eines Stempelbruders. Stempelgeld (veraltend): Arbeitslosengeld.

ME'SCH: meschuggener Mensch bzw. »Sprung inner Shellac-Platte«

SECHSER: »Nachhaltigen Eindruck hat hier die Zeit von 1687 bis 1871 gemacht, als es kupferne 'rote' Halbgroschen gab: Sechser. Ein Groschen war zu der Zeit 12 Pfennige wert und ein Halbgroschenstück war demnach ein Sechser. Praktischerweise behielt man in Berlin diese Bezeichnung bei, auch nach Einführung des Dezimalsystems. Die Währungen wechselten von der Reichsmark über Deutsche Mark zum Euro, dem Berliner Sechser konnte das alles nichts anhaben. Auch ein 5¢-Stück wird nunmehr unbeirrt Sechser genannt.« http://www.hauptstadtblog.de/article/621/keenen-sechser-in-der-tasche

SINN'ICH:
a) sinnig (spöttisch-ironisch): gutgemeint, aber doch gerade nicht sinnvoll/sinnreich
b) sinnlich: auf leibliche Befriedigung aus
Die dissimulierende »Weg-Ration(alis)ierung« des Buchstabens 'l' in sinn['l']ich persifliert scheinheilige, gewerkschaftliche Rationalisierung angesichts der 'Weg-Ration(alis)ierung' des Armenmanns.
»Kein Fraß macht kalt, und kein Geld macht unsinnlich.« (Redmahagon = Harmagedon)

JELÄU': a) anhaltend penetrantes Läuten der (Kirchen)Glocken b) Bellen der Jagdhunde (Jägerspr.)

PINKE: Geld.

PANKE: 27 km langes Rinnsal, entspringt in Pankeborn und fließt durch Pankow zur Spree.
de.wikipedia.org/wiki/Panke
Pranke: (Bären)Tatze.

BURSCHOA: Bougeois.

KLEDAGE (Kledasche): Kleidung, »altberlinisch mit französisierender Endung«

SINNGEDICHT: kurzes, oft zweizeiliges Gedicht mit witzigem oder satirischem Inhalt; Epigramm
COUPLET (»gereimtes Zeilenpaar«): Mehrstrophiges, witzig-zweideutiges, politisches oder satirisches Lied (??) mit markantem Refrain. Otto Reutter (1870-1931, »Mir ham 'se als jeheilt »entlassen!« ) war seit 1896 als »Salonhumorist« und Couplet-Schreiber in Berlin tätig (»Seh ich weg - von dem Fleck / Ist der Überzieher weg!«)
http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Reutter

-)ZU DEN ENGELN(-: Das -)APOKOINU(- und dessen Gegenteil, das Hyperbaton, sind beliebte Redefiguren in griechischen Tragödien.

»Es war schwer, in dieser Zeit nicht politisiert zu sein.«
Eric Hobsbawm
http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/826/_ich_bin_ein_re...

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  • aber ja doch: Not macht verpfänderisch !!

Top Comments

  • Grossartiges Lied, immer aktuell! Danke

  • Aber damit es aktuell bleibt muss es "holde Globalisierung" heißen.

    Was diese mit unseren Arbeitsplätzen anrichtet sieht man ja tagtäglich.

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All Comments (6)

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  • ja schon aber leute wie du erkennen leider alles nur oberflächlich und nicht die hintergründe

  • Danke!

  • Ja, da hast Du vollig Recht!

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