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"Lüg mir in mein Gesicht" am Theater Freiburg

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Uploaded by on Apr 13, 2010

Lüg mir in mein Gesicht
Ein Hochzeitsstück von Paul Brodowsky

Sveta, die Weißrussin, braucht eine Aufenthaltsgenehmigung. Ihr Freund Tilman erklärt sich bereit, sie zu heiraten, will die Hochzeit aber nicht feiern. So sitzen sie gemeinsam mit seiner Mutter Erika und Svetasbester Freundin Luisa in der Wohnung. Dann kommt Svetas Bruder vorbei, ein betrunkener Jungspediteur auf Durchreise. Alle haben sich das ganz anders vorgestellt. Lüg mir in mein Gesicht, sag mir, was ichhören will, auch wenn es nicht die Wahrheit ist.

Paul Brodowsky hat im Auftrag des Theater Freiburg ein Stück geschrieben, das die Konflikte der jungen Generation in den Blick nimmt. Die zwischen 1970 und 1990 Geborenen sind, von kurzen Zwischenhochsabgesehen, in einer fast permanenten Krise aufgewachsen: bleierne Kohljahre, misslingender Aufbau Ost, schleichender Abbau der Sozialsysteme. Hinzu kommt ein Wertewandel, der viele orientierungsloszurücklässt. Wie weit will man seine Freiheit zugunsten von beruflicher Sicherheit aufgeben? Wie soll das gehen: Sich selbst verwirklichen und gleichzeitig seinem Partner treu sein? Und bin das eigentlich ich, oder ist das mein Vater, der da gerade diese Geste vollführt, diese Sätze gesagt hat?

»Am Anfang war das eher ein Gefühl, fernes Donnergrollen, das man so am Rande verfolgt hat, wie den Wetterbericht oder wie wenn die Libyer uns eine Disko in Berlin wegbomben. Nichts, das man beeinflussenkönnte, aber es hatte auch nicht wirklich was mit einem zu tun. So war das, Gunther, als ich anfing, mich irgendwie dafür zu interessieren, als Teenager, Mitte der Achtziger.«




»Brodowskys Tragikomödie erzählt von Menschen, die zwischen dem Traum von Freiheit und dem Streben nach Sicherheit schwanken. Für Brodowsky ist das Lavieren zwischen Freiheitswille und Sicherheitsdenken das prägende Paradox seiner Generation. Die Szenerie: die Feier einer Scheinhochzeit. Der Prosecco ist wärmer als die Stimmung. Tilman hat mitten in der Krise seinen ersten Job hingeschmissen - und das, obwohl er in seiner Jugend brav auf Helmut Kohl und den Segen der Informatik gesetzt hat. An der Festtafel klaffen Lücken. Da sind Tilmans Mutter, seine zynische Exfreundin und der Vater. Der ist zwar tot, drängt sich aber ständig in den Mittelpunkt, als Tilmans Alter Ego: ein fast schon schizophrenes Rollenspiel, mit dem der ausgezeichnete Mathias Lodd den Hochzeitsgästen und dem Publikum gleichermaßen den Nerv tötet. Gut an Christoph Fricks Inszenierung ist, daß niemand ein kulturpolitisches Lamento anstimmt. Die Auflösung der sozialen Werte ist da, die festen Jobs sind weg, die Orientierung auch. Alle Personen haben Mühe damit, den Zerfall ihrer Lebensentwürfe zu vertuschen. Schnelle Dialoge wechseln mit langen Selbstgesprächen. Das Erzähltempo variiert geschickt, hinter jeder Pointe lauern Ehekrach und Kindheitshölle, die große Aggression und die universlae Traurigkeit. Vor allem Tilman ist ein moderner Jedermann, ein Modell für den schleichenden Abstieg einer ganzen Generation.« Basler Zeitung

»Paul Brodowsky liefert in seinem Auftragswerk die verschärfte Version des Hochzeitdramas: Weißrussin heiratet Deutschen wegen Aufenthaltsgenehmigung; seine Mutter macht eine perfid gute Miene zum bösen Spiel. Der Bruder der Russin ist in Gedanken noch im Afghanistan-Krieg und die Ex-Freundin des Deutschen mit von der Partie. Allerhand Sprengstoff, könnte man meinen. Allerdings hat der Knall schon längst stattgefunden: die Globalisierung hat Traditionen zerfetzt und Psychen zersetzt. Das Radikale an diesem Theaterstück: Es gibt keine Einheit der Person mehr.« Südkurier

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Entertainment

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