Uploaded by rainerebert on Mar 15, 2008
Professor Dr. Hanno Würbel, Zoologe, Justus-Liebig-Universität Gießen
Biologische Grundlagen zum ethischen Tierschutz (Teil 1 von 7)
3. Mai 2006, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Tierschutz ist als Anliegen ethisch, das heißt vom Menschen her begründet, die Frage, wie dieses Anliegen am besten umzusetzen ist - über Tierrechte oder über Tierschutzgesetze - ist eine juristisch-politische Frage und nicht Gegenstand meiner Vorlesung. Diese wird sich den biologischen Grundlagen zur Durchsetzung dieses Anliegens widmen, denn was Tiere zu ihrem Schutz brauchen ist biologisch, das heißt vom Tier her zu begründen.
Die biologische Begründung von Tierschutzmaßnahmen bedient sowohl pathozentrische (Leidensfähigkeit als moralisch relevantes Kriterium), als auch biozentrische (Integrität der Lebensvorgänge als moralisch relevantes Kriterium) Positionen. Hierbei wird ausgehend von evolutionsbiologischen Erkenntnissen nach den Ansprüchen von Tieren an ihre Umgebung gefragt sowie nach den Auswirkungen von Maßnahmen, Situationen oder Bedingungen, die diesen Ansprüchen nicht gerecht werden, auf das Wohlbefinden und die Integrität der Lebensvorgänge der betroffenen Tiere.
Leiden und Wohlbefinden sind subjektive Empfindungen, die nur aus einer first person perspective und somit einzig vom empfindenden Subjekt direkt feststellbar sind. Naturwissenschaftliche Ansätze bedienen sich grundsätzlich einer third person perspective aus der subjektive Empfindungen nicht feststellbar sind. In der Biologie gilt jedoch: "Messe was messbar ist, und was nicht messbar ist, mache messbar". Demzufolge bedient sich die tierschutzorientierte Biologie eines erkenntnistheoretischen Tricks, um Leiden und Wohlbefinden messbar zu machen. Dieser Trick basiert auf dem Analogieschluss sowie geeigneten Indikatoren. Laut Analogieschluss leidet ein Tier, (a) wenn es sich in einer Situation befindet, die analog ist zu einer Situation, die bei Menschen Leiden verursacht, (b) dabei gleichzeitig Reaktionen zeigt, die analog sind zu den Reaktionen von Menschen in dieser Situation und (c) es zudem über ein zentrales Nervensystem verfügt, das homolog (stammesgeschichtlich ähnlich) ist zu jenem von Menschen. Hier wird der Mensch zum Tiermodell (oder besser: Menschenmodell) für Tiere, indem ausgehend von Reaktionen (physiologisch, Verhalten) von Menschen im Zusammenhang mit Leidenszuständen (Angst, Furcht, Schmerz, etc.) aussagekräftige Messgrößen (Indikatoren) gesucht werden, die auf Tiere übertragbar sind. Damit können zwar Leiden nicht im eigentlichen Sinn gemessen, aber immerhin plausibel gemacht werden. Benachteiligt sind dabei allerdings Tiere, die stammesgeschichtlich weiter von uns entfernt sind und deren Nervensystem sich demzufolge grundlegend von unserem unterscheidet.
Neben diesem indirekten Zugang zu Befindlichkeiten wird ein zweiter Ansatz verfolgt, der über die Befragung von Tieren zu ihren Vorlieben und Abneigungen einen direkteren Zugang zu deren Befindlichkeiten sucht. Dies geschieht mittels so genannter Wahlversuche. Dabei werden Tieren Wahlmöglichkeiten geboten, und aus ihrer Tendenz, sich bestimmten Reizen auszusetzen oder bestimmte Ressourcen zu nutzen bzw. diese zu meiden, können Rückschlüsse auf die Bedeutung dieser Reize oder Ressourcen für die Befindlichkeit der Tiere gezogen werden. Dieser Ansatz wurde mit Methoden aus der Mikroökonomie verfeinert, indem den Tieren für ihr Wahlverhalten unterschiedliche Kosten (Zeit- oder Energieaufwand) auferlegt werden. Über das Maß der Veränderung der Nachfrage (Grad der Elastizität bei steigenden Kosten) kann die Stärke der Motivation bestimmte Reize oder Ressourcen aufzusuchen bzw. zu meiden quantifiziert werden. Aufgrund evolutionsbiologischer Erkenntnisse über die Zusammenhänge zwischen fitness, Motivation und Befindlichkeiten kann davon ausgegangen werden, dass eine Ressource umso wichtiger für das Wohlbefinden eines Tieres ist, je stärker dieses Tier motiviert ist, die Ressource zu nutzen. Und je größer die Motivation eines Tieres ist, sich einem bestimmten Reiz zu entziehen, desto größer wird das Leiden unter diesem Reiz sein.
Anhand von konkreten Beispielen werden diese verschiedenen Ansätze erläutert und deren Beitrag zu Verbesserungen im Tierschutz zur Diskussion gestellt.
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