Die Sprache der Pirahá - Wie der Missionar Dan Everett selbst missioniert wurde.
Sonntag, 11. April 2010
Vor 30 Jahren kam der amerikanische Missionar Dan Everett ins brasilianische Amazonasgebiet, um den Pirahá-Indianern das Wort Gottes beizubringen und es kam alles anders: Dan Everett wurde selbst missioniert. Dan Everett musste erst mühsam die Sprache der Indianer lernen um ihnen Gottes Botschaft überhaupt vermitteln zu können. Dabei stieß er jedoch nicht nur auf eine der rätselhaftesten Sprachen der Welt, sondern vor allem auf eine Gesellschaft, die ausschließlich in der Gegenwart lebt: Die Pirahás kommen ohne Zahlen aus, bilden keine Nebensätze, kennen keine Formen für Vergangenheit und Zukunft. Sie leben, so erkannte er an ihrer Sprache, ganz im Hier und Jetzt und schöpfen daraus eine Zufriedenheit, die einzigartig scheint. Jesus Christus? Haben sie nie gesehen gibt es also nicht! Für Dan Everett eine Erkenntnis, die so erstaunlich war, dass er selbst den Glauben an seinen Gott verlor.
(Er ist heute Atheist)
Seine Geschichte und die der Pirahás - hat Dan Everett jetzt in seiner Autobiografie „Das glücklichste Volk (DVA) veröffentlicht.
http://de.wikipedia.org/wiki/Pirah%C3%A3
Infos zum Buch
Daniel Everett "Das glücklichste Volk: Sieben Jahre bei den Pirahã-Indianern am Amazonas" Übersetzt von Sebastian Vogel
416 Seiten, € 24,95
ISBN 978-3421043078
Deutsche Verlags-Anstalt
Februar 2010
---------------------------------
Copyright Disclaimer Under Section 107 of the Copyright Act 1976, allowance is made for "fair use" for purposes such as criticism, comment, news reporting, teaching, scholarship, and research.
Fair use is a use permitted by copyright statute that might otherwise be infringing. Non-profit, educational or personal use tips the balance in favor of fair use.
--------------------------------
Mehr als 60 Mal hat Dan Everett den kleinen Indianerstamm der Pirahã, besucht - das erste Mal vor 30 Jahren. In einem Buch erzählt Everett nun die Geschichte des "glücklichsten Volkes" - und wie die Pirahãs sein Leben veränderten.
"Mein Problem war: Warum sollte ich sie von Gott überzeugen?", so Everett. "Damit sie ein besseres Leben hätten? Das war eine echte Herausforderung." Eine Herausforderung, die er nur mit seiner damaligen Ehefrau annehmen konnte. Karen, eine Missionarstochter, hatte er mit 17 Jahren kennengelernt. Sie holte ihn von den Drogen weg, er entdeckte Gott. Mit ihren drei Kindern ziehen sie an den Amazonas, um die als widerspenstig geltenden Pirahã zu missionieren, die sich seit 200 Jahren weigern, auch nur ein Wort Portugiesisch zu sprechen.
Sie kennen keine Zahlen
Pirahã ist eine extrem schwierige Sprache, die Everett lernen muss. Kein Außenstehender hatte das je geschafft. Es ist eine Sprache, die von einer ganz anderen Art zu denken zeugt. Zahlen zum Beispiel kennen Pirahá nicht. Sie zählen nur "einen" oder "viele" Haken, stellt Everett erstaunt fest. "Als ich veröffentlichte, dass Pirahá nicht zählen, beschimpfte man mich als Rassisten", sagt er. "Man warf mir vor, ich halte sie für dumm. Aber sie sind überhaupt nicht dumm. Sie benötigen einfach keine Zahlen in ihrem Leben. Wenn ich in Berlin bin, brauche ich dort auch keinen Pfeil und Bogen."
Ob sie acht oder zehn Fische erlegen, ist den Pirahá egal. Entscheidend ist, dass sie genug haben. Sie sind selbstbewusst. Sie leben ohne Zahl und Zeit. Denn Everett entdeckt bei seinem Sprachstudium: Die Pirahá kennen keine Form für Vergangenheit, keine für die Zukunft. Sie leben im Augenblick. Für unseren Seinsbegriff ist das unvorstellbar - keine Erinnerungen ans Gestern, kein Blick zurück im Zorn. "Sie wissen schon, was Vergangenheit ist, aber sie reden eben nicht darüber", so Everett. "Vergangenes, Geschichte, hat keine Bedeutung mehr, ist unwichtig für ihr Selbstbild. Das Einzige, was zählt ist, im Heute zu leben."
Leben im Hier und Jetzt
Zufriedenheit statt Ehrgeiz - das spiegelt ihre Grammatik wider, so Everett, der immer mehr zum Sprachforscher wird, aber als Missionar an seine Grenzen stößt. Denn die Pirahã glauben nur an das, was sie sehen. "Sie fragten mich, wie Jesus aussieht", so Everett. "Ich sagte: 'Ich habe ihn nie gesehen.' 'Hat dein Vater ihn gesehen?' 'Nein.' 'Hat irgendein Freund ihn gesehen?' 'Nein, niemand hat ihn gesehen. 'Warum willst du dann, dass wir an ihn glauben?' Sie wollten Jesus nicht. Ich fühlte mich wie ein Narr."
Everett scheiterte am Gottesbeweis. Er beginnt zu zweifeln. An dieser "Entkehrung" zerbricht seine Familie, seine Ehe. Der Missionar kann nicht mehr glauben, aber er findet eine neue Mission: die Sprachwissenschaft. Als prominenter Linguist, wie gerade bei einem Kongress in Berlin, wird er jetzt dazu gehört, wie Sprache und Kultur, wie Sprache und Glück, zusammenhängen können. Diese Erkenntnisse hat er denen zu verdanken, die sein Leben radikal verändert haben: den Pirahã.
Stell Dir vor, es gäbe keine Vergangenheit und keine Geschichte - wie viele der heutigen Probleme der Menschheit würde es nicht geben? Der Zusammenhang zwischen Glück/Zufriedenheit und Sprache wird eigentlich erst deutlich, wenn man eine neue Sprache (bewußt) lernt. So ging's mir auch mit Russisch. Eine nette Doku - merci fürs Einstellen!
iovialis 1 year ago 10
Ob sie 8 oder 10 Fische vernichten, ist ihnen egal. Hauptsache, sie haben genug.
Wann hat die sogenannte zivilisierte Gesellschaft genug?...
Kutlatschkowa 1 year ago 8