Der Jubel einiger Qualitätsjournalisten war kurz nach der Verlautbarung unüberhörbar: "Und er hat Krieg gesagt!"
Das Gegenteil ist der Fall: Vielsagend rückt er keinen Millimeter ab, selbst während der Trauerfeier am 9. April relativiert er den Begriff geschickt, als seine, nur private Meinung. Und viele folgen ihm, ohne genau hinzuhören.
(Passend dazu DLF-Interview mit Politikwissenschaftler Prof. Herfried Münkler: http://tinyurl.com/yew6sgm )
Derartiges Politsprech (Semantische Frontbereinigung) sarkastisch zu würzen, ist nicht mehr nötig. Erstens fehlt mir dazu der Humor, angesichts der ernsten Lage, in der sich nach Angaben des Wehrbeauftragten die auch noch mangelhaft ausgerüsteten, in den Hindukusch geschickten Bundeswehrsoldaten befinden. Zweitens übernehmen das bereits die, für den Einsatz verantwortlichen Politiker, die sich weiterhin nicht zurückhalten, ihre stereotypen Durchhalteparolen zu wiederholen und von "Operationen" sprechen, statt von Kämpfen, in denen die Soldaten fallen. Auch 'Fallen' ist eine Verschleierung, im Gegensatz zu "Operationen" inzwischen aber ein etablierter militärischer Begriff.
Der nur 14 Sekunden währende Satz des Bundesministers für Verteidigung fordert dazu heraus, auf nüchterner sprachwissenschaftlicher Ebene das Konzentrat der vier, am häufigsten verwendeten politischen Verschleierungscodices zu entschlüsseln.
Passende Alltagsbeispiele machen den jeweils markierten Sprachcode sogar für Leser der Boulevardpresse verständlich.
An Ende seines 14-Sekunden- Satzes gelingt es dem Minister auch noch mit einem verbalen Zaubertrick (im richtigen Moment von einem wesentlichen Element ablenken) ein zusätzliches dickes Fragezeichen draufzusetzen. Dies hat aber während der Verlautbarung entweder niemand bemerkt oder es wurde gehorsam überhört und in einigen Fällen wurde sogar das, die erwünschte Ausssage störende "in Afghanistan" bewusst herausgeschnitten.
Selektive Wahrnehmung im Sinne des Redners ist erwünscht, wenn man vorgelesene Presseverlautbarungen mit "Es gilt das gesprochene Wort" kennzeichnet. Hier ist es besonders empfehlenswert, aufmerksam hinzuhören, zumal im speziellen Fall Menschenleben auf dem Spiel stehen und in der gesamten Militärgeschichte kein Fall bekannt ist, dass jemals ein Guerillakrieg durch militärische Mittel "gewonnen" wurde.
Statt mit dem Gegner zu verhandeln, versuchen kriegsführende Machthaber beider Seiten stets, ihr kriegsmüdes Volk von der notwendigen Fortsetzung des militärischen Einsatzes zu überzeugen. Damit ähneln sie Spielsüchtigen, die selbst bei hohen Verlusten immer wieder neue Begründungen erfinden, weiterzuspielen. Die, zur Konditionierung der Mahner gebrauchten bWorthülsen glänzen jeweils durch einen meisterhaft entwickelten, oft unterschwelligen Konjunktiv.
Entschlüsselt heisst das in diesem Fall, dass der Minister dafür Verständnis haben könnte, wenn man in Afghanistan den Krieg umgangssprachlich Krieg nennen würde.
Zum Nachlesen: Das vollständige, ungeschnittene, akribisch vorbereitete und verlesene Minister-Zitat in Reinform:
"Auch wenn es nicht jedem gefällt, so kann man, angesichts dessen, was sich in Afghanistan, in Teilen Afghanistans abspielt, durchaus umgangssprachlich - ICH BETONE, UMGANGSSPRACHLICH, in Afghanistan von Krieg reden."
SpOn am 6.April zum Thema: http://tinyurl.com/yj2c4hw
DLF am 9.April zum Thema: http://tinyurl.com/yew6sgm
DLF- Interview vom 11.April mit Jürgen Todenhöfer: http://tinyurl.com/ybhqf89
Da in Afghanistan ein, demokratisch nicht legitimierter realer Krieg geführt wird, hat die Bundeswehr dort nichts zu suchen, denn an Angriffskriegen darf sie sich nicht beteiligen. Dies ist der Konflikt, den die Verantwortlichen durch ihre semantischen Zaubertricks der Bevölkerung verschwiegen wollen.
Update vom 16.4: Nach weiteren vier gefallen Soldaten, soll den Kritikern nun der Krieg erklärt werden (im semantischen Sinne). Es soll also weitergehen...
Update, 6. April 2010, 16:00 Uhr: Wie sehr einige Kolleginnen und Kollegen bereits auf solche offiziellen Verlautbarungen konditioniert sind, beweist dieser, einen Tag nach Veröffentlichung des Irak-Kriegsverbrecher- Vidos leider notwendige Kommentar: http://tinyurl.com/yjymcfh
Nur wenige Medien machten dieses Thema bis heute wenigstens zum Randererígnis.
Zu diesem Thema das Tagesschau Blog: http://blog.tagesschau.de/?p=7683
Und eine Kollegin trauert um unsere verlorene Zurückhaltung: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,691318,00.html#ref=rss
Soldaten, die in einem Krieg verletzt oder getötet werden, sind für die Bundesregierung wesentlich teurer. Im Krieg bekommen Soldaten, bzw. deren Hinterbliebene eine wesentlich höhere Pension. Zwischen "Krieg" und "Einsatz" existiert noch ein weiterer gravierender, kaum bekannter Unterschied: Sterben verwundete Soldaten auf deutschem Boden, wird der "Einsatz" noch billiger. Bereits das in Afghanistan parkende Lazarettflugzeug ist "deutscher Boden"... Alles Klar?! Arme Soldaten... :(
carnationberlin 1 month ago
Nach dem Völkerrecht, ist in Afghanistan auch kein Krieg!!!!!!
Basti6814 1 year ago
@Basti6814 Faktisch ist es sogar ein Angriffskrieg, in dem man ohne vorherigen Verhandlungsversuch unsere Soldaten verheizt. Genauso sinnlos, wie im Irak. In der 5000 jährigen Militärgeschichte wurden nur zu 7% aller Terrorgruppen militärisch besiegt. In 10% aller Kriege siegten sogar die Terroristen, aber 43% aller Konflikte wurden durch Verhandlungen ohne Krieg beendet und 40% durch geheime Verhandlungen während des Krieges (Seth Jones und Martin Libicki). Deshalb ist Krieg verantwortungslos!
carnationberlin 1 year ago
Ich finde mir dieser Auslegung mach Man es sich zuleicht. Beachtet man die Verfassungsgrundlage so ist dies die beste Formulierung, wollte Herr zu Guttenberg nicht, dass der Einsatz als verfassungswiedrig beendet wird. Denn die Bundeswehr darf laut Verfassung nur zum Schutz Deutschlandes und des Volkes eingesetzt werden. Der Afgahnistan Einsatz ist aber nicht direkt zum Schutz Deutschlands sondern wird durch Verträge zwischen verschidenen Staaten legitimiert. Ich finde das sollte man bedenken.
assasinkittyFilms 1 year ago
@assasinkittyFilms Damit ist der Kern getroffen: Die Kriegsteilnahme widerspricht klar unserer Verfassung. Damit widersprechen auch die Verträge unserer Verfassung. Und genau dieser Verfassungsbruch soll durch geschickte Wortwashl kaschiert werden. Dies angesichts der Tatsache, dass in der 5000jährigen Militärgeschichte noch niemals ein asymetrischer Krieg mit militärischen Mitteln 'gewonnen' werden konnte. So etwas gelingt ausnahmslos mit Verhandlungen. Und die führt man mit dem Gegner.
carnationberlin 1 year ago