01. CHUZPE - Beislanarchie (1979)
LP- Various Artists: „Wiener Blutrausch (Schnazz)
"20.00 Uhr: Das Konzert beginnt fast auf die Minute genau. Der Sound ist miserabel, der Sänger unverständlich. Das liegt wahrscheinlich auch daran, daß die Anlage ausgeborgt ist. Bereits nach einigen Minuten beginnen einige Punks zu 'tanzen'. Eine Motorradgruppe stört durch Zwischenrufe: 'Wann spielt ihr endlich Musik?' Darauf der Sänger Robert Räudig: 'Wir sind nicht die Deep Purple!' " - die Wiener Stadtzeitung "Falter" über eines der ersten Konzerte der Formation Chuzpe im Jänner 1978.
"Chuzpe war mit hoher Wahrscheinlichkeit die erste echte Punk-Band in Österreich. 1977 formierten sie sich mit der Grundidee, The Velvet Underground mit Wolfgang Ambros zu kreuzen. Unter dem Einfluß der Ramones und Sex Pistols entwickelte sich ihre Musik aber mehr und mehr zu Punk. 1978 nahmen sie im Gorilla Studio ihre Songs auf, wovon vier für die Veröffentlichung auf einer Single ausgewählt wurden. Dies wäre der erste Punk-Release in Österreich gewesen, allerdings wurde die Produktion aus Kostengründen leider vorzeitig eingestellt. (Zwei der damals nicht veröffentlichten Stücke, "Nervengas" und "Kopfschüssler", sind posthum 1997 auch auf der nennenswerten Austro-Punk-Compilation "Es Chaos is die Botschaft" erschienen.)
Erst im Mai 1979 kamen dann auf dem "Wiener Blutrausch"-Sampler drei Songs von Chuzpe heraus. Der vielleicht gelungenste - "Beislanarchie" - ist eine wahre Perle des Siebziger-Punk und übt in bester Agitrock-Tradition Kritik an der Hippie-Mentalität der linken Wiener Szene: "Beislradikale/Höret die Signale/Internationale/Hoi Hoi Hoi Hoi/Diskussion verbissen/Hirn längst verschissen/Tote Ideale versperrn die Sicht/Mit Schmalzbrot, Tee und Wein/lullen wir uns ein/bei Biermann und bei Bier/kriegn feuchte Augen wir".
Die Band trat 1979 eine Zeitlang auch als Robert Räudig and the Beat Boys auf und veröffentlichte noch im selben Jahr die erste Chuzpe-Single, die stilistisch bereits in Richtung Neo-Garage und Mod-Wave ging. Dies war der Beginn einer Entwicklung, die Chuzpe in späteren Jahren zu einer der erfolgreichsten österreichischen New-Wave-Bands ihrer Zeit machen sollte. Aber auch der "Wiener Blutrausch"-Sampler ging in die Geschichte ein, da sich hier mit Chuzpe, der Mordbuben AG, Mini-Sex und Drahdiwaberl vier der wichtigsten österreichischen Bands der nächsten Jahre versammelt hatten, wobei noch keine von ihnen jemals zuvor auf einer Plattenveröffentlichung zu hören gewesen war. Von den Jazz-Rockern Metzlutzkas Erben - der fünften Band auf dieser Compilation - hat man in den Folgejahren dafür nichts mehr gehört.
Am Abend der Release-Party im Metropol traten die Gruppen dann auch alle auf, wobei die anwesenden Punks bei Chuzpe und der Mordbuben AG voll auf ihre Kosten kamen. Den unvergeßlichsten Auftritt dieses Band-Großaufgebots hatte aber der Headliner Drahdiwaberl, als sich General Guglhupf als Gast die Ehre gab, sich mit einem Messer durch den Mund fuhr, Kunstblut ins Publikum spuckte und anschließend in einen Kübel kotzte, während die ehemalige Prostituierte Lotte Pawek ungeachtet jeglicher Harmonielehre das Lied "Ganz Paris träumt von der Liebe" intonierte. Die Sache war nun also auch mit Körpersäften besiegelt. Circa 200 der insgesamt 1000 Stück starken Auflage des "Wiener Blutrausch" wurden vor Ort in einem neutralen Plattencover gegen einen Aufpreis als Eintrittskarte ans Publikum verteilt. Diese nur an jenem geschichtsträchtigen Abend erhältlichen LPs stehen heute ganz weit oben auf den Want-Listen verrückter Plattensammler aus aller Welt, die bereit sind, enorme Geldbeträge hinzublättern, um den Beleg dafür in Händen zu halten, daß es sie wirklich gab: die Geburtsstunde des Punk in Österreich."
TRASH ROCK ARCHIVES, Part 2: Punk in Österreich, 1979 bis 1985 - 20 Bands und ihre Veröffentlichungen" von Al Bird Sputnik, erschienen in Ausgabe #04 des Print-Periodikums ROKKO'S ADVENTURES.
one of the best punktracks fom austria, grear lyrics, thx for posting
viennaboy100 3 years ago 5
30 years ago - or more - genial werde heuer 60 in Wien - kann nicht umhin immer wieder reinzuhören - die Vinyls verlorengegangen - aber heute kosten sie schon ganz schön viel Euronen die kleinen Auflagen - der Protagonisten hehe
kordinia 1 year ago