Uploaded by QisumSieczkarek on Jun 18, 2011
Mark Sieczkarek, 1962 im schottischen Inverness geboren, verspürt schon als Kind den Drang zu tanzen. Und seine eigene Welt auf der Bühne zu erschaffen. Er wächst in kunstaffinem Haus mit Musik und Poesie auf und studiert von 1973 bis 1981 klassisches Ballett an der Royal Ballet School in London. Eine Zeit, in der die Modern-Dance-Avantgarde eines Merce Cunningham ebenso aufkommt, wie der Punkrock über die Stadt hereinbricht. Beides fasziniert Sieczkarek. Das Studium: ein Doppelleben zwischen Klassik und Clubdekadenz.
Die ersten Engagements nach der Ausbildung sind Stationen der Suche. Sieczkarek geht zum „Scapino Ballet" für Kinder in Amsterdam, nebenher forciert er die eigenen, noch kurzen Choreographien. Zwischen 1983 und 85 tanzt er beim „Penta Theater" in Rotterdam. Ein freies Kollektiv mit Akzent auf Tanztheater. Was Sieczkarek endgültig von seinen klassischen Wurzeln löst. Und den Horizont dafür weitet, dass Tanz mehr sein kann als Technik. Im Rückblick: eine gute Vorbereitung auf Wuppertal.
1985 stößt er zur Compagnie von Pina Bausch. Eine Begegnung in Geistesverwandtschaft zwischen zwei schweigsamen Menschen. Der Fluss und die Einfachheit der Choreographien entsprechen Sieczkareks Naturell, die Philosophie rührt an den Grund seiner Bewegungs-Sehnsucht: Tanz als Ausdruck von Gefühl. Dennoch verlässt er die Compagnie drei Jahre später, weil es unter Pinas starker Hand nicht möglich ist, als Choreograph zu wachsen.
Bausch vermittelt ihn 1988 als freien Tänzer und Choreographen an das Folkwang Studio in Essen. Die erste Arbeit dort ist ein Befreiungsschlag, wutgeladen: September Moon (1988) wird als Skandal begriffen, nicht zuletzt wegen einer Diashow mit Bildern nackter Männer. Die Frühphase an der Folkwang Schule, mit Raimund Hoghe als Dramaturg, ist stark geprägt von Fragen nach männlicher Identität. Bald allerdings schlägt Sieczkarek, wie oft im Laufe seiner Karriere, eine andere Richtung ein, mit zarteren Werken wie Easy to love (1993) oder Funky Drummer(1996) -- im selben Jahr entsteht auch Macbeth auf Schloss Broich in Mühlheim. Überhaupt avanciert er in den 90ern in ganz Nordrhein-Westfalen zum vielgefragten Choreographen, 1996 erhält er den Förderpreis des Landes NRW.
1998 gründet Mark Sieczkarek seine eigene freie Company, für die er seitdem Soli erarbeitet und wechselnde Ensembles versammelt. Und die sich sowohl national als auch international einen Namen gemacht hat. Im Jahr 2000 reist die Mark Sieczkarek Company auf Einladung des Goethe-Instituts erstmals nach Ghana, um im Rahmen eines Workshops das Stück Drops of rain in perfect days of June zu zeigen. Aus dieser Begegnung resultiert im Jahr darauf die Arbeit Living with Aids, erarbeitet mit Tänzern aus Ghana, 2003 folgt mit „Broke" ein Stück über Armut. Auch in Brasilien hat Sieczkarek lang gewachsene Arbeitsbeziehungen. Mit der Porto Alegre Cia. de Dança entstehen mehrere Produktionen, zuletzt das vielgelobte Stück Eu estive aqui (I was here).
Dabei bleibt der Künstler mit Wahlheimat Wuppertal kontinuierlich auch in Deutschland präsent. Am Ringlokschuppen in Mühlheim, wo er von 2001 bis 2004 Hauschoreograph ist. Weiterhin an der Folkwang Schule Essen, wo er 2008 mit Studenten Fearful Symmetries und 2010 Tabang erarbeitet. Und jüngst auch, Neuland für den freien Künstler Sieczkarek, an den Städtischen Bühnen Münster, wo er als erster Gastchoreograph der Ära Daniel Goldin das Stück Common Tones inszeniert.
Bisweilen hat Mark Sieczkarek, zumal in Deutschland, unterhalb des Aufmerksamkeits-Radars der Presse gearbeitet. Selbstvermarktungstalent besitzt der stille Schotte nicht. Dabei zählt er mit über 30 stilistisch staunenswert vielfältigen, mehrfach preisgekrönten Choreographien, die in 20 Karrierejahren entstanden und weltweit getourt sind, sowie etlichen tänzerischen Projekten und Workshops in Afrika, Südamerika und Europa zweifellos zu den produktivsten und bemerkenswertesten Tanz-Künstlern seiner Generation.
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