Sozialismus

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Uploaded by on Feb 1, 2011

The Nokturnal Times:

Rückblicke, Bilanzen, Epitaphe -- sie alle müssen ihn verfehlen, den Geist von 68, auch 40 Jahre danach. Vor allem die ehemals Beteiligten, die heute doppelt so alt sind, wissen meist nicht mehr, wovon sie reden. Glücklicherweise gibt es Kameras und Fernsehsender. Selbst ein bescheidenes Dreiviertelstündchen-Interview bewahrt und verrät heute mehr von jener Zeit als ganze Bände voller Reminiszenzen.

Günter Gaus mit Rudi Dutschke, im Dezember 1967 in einem Studio des Südwestfunks -- kein Schmuck, kein Trick, keine Musik, die Sendung lebt vom Wort und lebt bis heute kraftvoller als sämtliche Talk-Shows eines ganzen Jahres. Das liegt nicht nur daran, dass hier zwei Leute miteinander sprechen, die was zu sagen haben, sondern dass das Wort, noch nicht entwertet durch televisionäre Redeflut, den Interviewpartnern selbst etwas gilt. Hier werden keine Worte verraten, weil ja Fernsehsekunden teuer sind und deshalb gekrallt werden müssen, sondern Worte werden gesucht und sorgsam geformt. Hier wird erörtert -- mit Feuer und Konzentration. So etwas gibt es im Fernsehen nicht mehr.

Gaus, selbst ja damals noch nicht alt, aber „etabliert" interviewt in Dutschke die junge Generation, die „so" nicht mehr weitermachen will. Aber Gaus kennt die Welt nur „so", und er ist nicht fähig, sie sich anders zu denken. Das Interview lebt von der Spannung, dass beide Mühe haben, einander zu verstehen, es aber unbedingt wollen. „Wer führt Ihre Bewegung?" fragt Gaus, und Dutschke sagt: „Die Menschen führen sich selbst." -- „Wie verhindern Sie Minderheiten-Terror?" — „Wir werden Mehrheit, oder wir scheitern." -- „Sie werden Gefängnisse brauchen . . ., KZs ..." -- „Es hängt vom Willen der Menschen ab, ob sie zur Freiheit finden. Wir können eine Welt gestalten, wie sie die Welt noch nie gesehen hat." Während Gaus durch jede Rebellion die noch unreife Demokratie der Bundesrepublik gefährdet sieht, erscheint Dutschke diese Demokratie mürbe und faul. „Sind Sie antiparlamentarisch?" -- „Ja, weil die wirklichen Bedürfnisse der Menschen im Parlament nicht vorkommen."


"Kann der Mensch die Geschichte selbst in die Hand nehmen?", fragt Günter Gaus den Rudi Dutschke in einem in der Zwischenzeit als "legendär" verstandenen Fernsehinterview vom 3. Dezember 1967 und Rudi Dutschke antwortet, ohne lange zu überlegen: "Er hat sie schon immer gemacht. Er hat sie bloß noch nicht bewusst gemacht. Und jetzt muss er sie endlich bewusst machen."
Ein denkwürdiges Interview, welches Günter Gaus mit dem damaligen Studenten Rudi Dutschke führte. Rudi Dutschke, Jahrgang 1940, Mitglied der sozialistischen Studentenbewegung, nimmt Stellung zum parlamentarischen System, zu den Instrumenten der "Herrschaft", zur NPD, zur Nato und zur Religion. Dagegen setzt er seine Vorstellungen einer freien Gesellschaft: Organisationen ohne Berufspolitiker, ohne "Apparat", bewusste Kontrolle der Geschichte durch die Menschheit. Günter Gaus stellt Fragen zur sozialistischen Studentenbewegung und zu Dutschkes Revolutionsbegriff.
Rudi Dutschke galt als herausragende Persönlichkeit der deutschen 1968er-Bewegung. Der Soziologiestudent engagierte sich als Mitglied des Sozialistischen Studentenbundes (SDS) gegen die große Koalition von CDU/CSU und SPD. Er faszinierte durch rhetorische Fähigkeiten und eine ausgeprägte ideologische Festigkeit.
Er nahm am Hungerstreik für den festgenommenen Kommunarden Fritz Teufel teil und beteiligte sich an einer öffentlichen Diskussion mit dem Sozialwissenschaftler Herbert Marcuse. Dutschke gestaltete auch die Anti-Springer-Kampagne mit, die die Enteignung des Verlagshauses von Axel Springer zum Ziel hatte, dessen umstrittener Boulevard-Journalismus als Haupthindernis für gesellschaftliche und politische Erneuerungen galt. Doch distanzierte sich Dutschke klar von terroristischen Anschlägen, die er als "Zerstörung der Vernunft" bezeichnete. Von einem Attentat, bei dem er 1968 verletzt wurde, erholte sich der unbequeme Intellektuelle nie: Dutschke verstarb mit nur 39 Jahren an den Spätfolgen.

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Top Comments

  • Man wie genial der war.

    Kein wunder dass man ihn erschossen hat.

  • Ich finde Dutschke gut, er versucht dem allgemeinen fernsehn Deppen begreiflich zu machen, dass außerparlamentarische Aktionen das Meinungsbild nachhaltig ändern können und das es Mut braucht sich gesellschaftskritischen Entwicklungen entgegen zu stellen.

    Man sollte sich den Misständen dieser Welt annehmen. Sonst sieht es für die nächsten Generationen düster aus.

    Ganz abgesehen davon, inwieweit staatsideologische Entscheidungen moralisch verwerflich sind.

    Alternativen dazu gibt es immer!

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All Comments (35)

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  • Dutschke träumt von dezentralisierten, selbstregierenden Faschismus. Profit kann nicht dur Askese oder nach der Gewinnschöpfung wieder durch Umverteilung, geheilt werden. Er existiert weiter. Ein Pfarrer schaft durch das Zylibat auch nicht den Sexualverkehr ab. :-D

  • @WarToRock

    ... da gebe ich Dir recht.

  • @keuronfuih Im Vergleich zur heutigen Ja und Amen Studentenschaft empfinde ich Dutschke doch als einen Vorreiter des legitim-definierten Protestierens, ohne wirklich einen Machtsanspruch darzustellen, jedoch versucht, eher aufklärend zu wirken :3 aber auch hier gab es viele Dumme die einfach nur protestierten um des Protestieren Willens - gab ja damals noch kein Internet und Videospiele sowie Ultras in Fußballstadien xD

    Außerdem mag ich, dass in damaligen Talkshows Begriffe definiert wurden.

  • @WarToRock

    Dutschke denkt wertkonservativ, d. h., er will lediglich die Gesellschaftsstruktur bzw. die Staatsstruktur ändern - mehr nicht. :-(

  • translation 

  • @dralger

    Popper ist doch ne Schlaftablette gegen den. ^^

    Aber im Ernst, nein Hitler wollte man aus anderen Gründen töten. Aber warum tat es bei Dutschke, wenn er doch nur ein Spinner war? Passt nicht ganz zusammen.

    Wenn du seinen Sätzen nicht folgen kannst, ist das deine Sache. Er war ja eigentlich grad beliebt, weil er verständlich reden konnte. Wenn du Popper wirklich folgen kannst, sollte das hier ein Leichtes für dich sein.

    War wieder klar, inhaltliche Kritik kommt natürlich keine.

  • @uiuiuiseraph

    Warum wollte man Hitler töten? Weil er so genial war? - Nur weil jemand umgebracht wurde, heißt das nicht, dass er besonders genial war oder besonders daneben.

    Meine Kritik ist konkret. Ich halte das, was er sagt, für aufgesetztes Wortgeklingel. Es tut ja schon bei zuhören weh. Sätze, die nicht enden wollen, deren Anfang man vergessen hat, wenn sie zu Ende gehen. Wer so redet, will seine Unwissenheit tarnen. Karl Popper hatte es nicht nötig, so zu reden.

  • @dralger

    warum musste man ihn dann beseitigen? ;)

    Whatever, das ist deine Meinung, ich hab meine Meinung.

    An sonsten wäre es schön, wenn deine Kritik ein wenig konkreter wäre. Demokratie braucht per Definition Menschen, die sich auch darum Gedanken machen, was im Land vor sich geht. Und kuck es dir doch heute an. Die Masse interessiert sich mehr für DSDS als Politik. Dutschkes kritisierte Bewustlosigkeit ist doch wohl heute mehr der Fall denn je.

    Grüße

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