Uploaded by whdktzupoli on Apr 2, 2011
Atomphysiker Tschetscherow über Fehlinformationen zum Unglück von Tschernobyl
Frank Nordhausen
BERLIN. Vor zwanzig Jahren, am 26. April 1986, explodierte der Reaktor Nummer 4 des Atomkraftwerks in Tschernobyl. Einen Monat später flog der Moskauer Atomphysiker Konstantin Tschetscherow erstmals mit dem Hubschrauber und einem gerade erworbenen amerikanischen Strahlenmessgerät, über den Unglücksreaktor in der Ukraine. Er sah tausende Soldaten, die radioaktives Material bargen. Tschetscherow war aufgeregt, er dachte, das ist die Chance meines Lebens: einer der ersten zu sein auf einem unerforschten Territorium.
Seither hat niemand das größte zivile Unglück aller Zeiten so gründlich untersucht wie er. Mehr als 1 500mal ist Konstantin Tschetscherow, Mitarbeiter des Moskauer Zentrums für Atomenergie, des Kurtschatow-Instituts, in dem Reaktorblock gewesen. Er hat gemessen und gefilmt und seine Analysen in weit mehr als hundert Artikeln publiziert. Heute wird Tschetscherow seine Analysen auf einer internationalen Tschernobyl-Konferenz erstmals in Deutschland vorstellen. Auf der Tagung an der Berliner Charité geht es vor allem um die gesundheitlichen Folgen der Katastrophe.
Tschetscherow ist unbequem. Der Mann, der den Unglücksreaktor so gut kennt wie niemand sonst, stellt die Lehrmeinungen über den Hergang der Katastrophe und die Folgen radikal in Frage. Er erklärt, dass 1986 nicht nur drei bis fünf Prozent des radioaktiven Brennstoffs in die Umwelt gelangt seien, sondern mehr als 90 Prozent der rund 200 Tonnen Uran und Plutonium. "Als ich das erste Mal im Reaktorschacht war, war ich total überrascht", sagt der russische Atomphysiker. "Wir hatten Massen von geschmolzenem Material aus den Brennstäben erwartet. Aber der Schacht war fast leer. Der Brennstoff ist damals rausgeflogen, 20 Meter über dem Reaktorgebäude in einer Explosion von 40 000 Grad Celsius verdampft und über Nordeuropa verteilt worden. Hätte sich die Explosion wirklich im Reaktor ereignet, dann würden wir darin nicht komplett erhaltene Installationen und sogar Farbreste finden."
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2006/0403/p...
Es geht um die Frage, ob nur drei Prozent der radioaktiven Strahlung entwichen und 97% im Reaktor geblieben sind oder umgekehrt. Da gehen die Ansichten der Experten auseinander, nur Jürgen Trittin, der deutsche Umweltminister, formuliert eine gesicherte Binse: "Wir wissen, daß dieses Unglück sehr viele Menschen auf dem Gewissen hat." Wer das zu Unglück freilich zu verantworten hat, bleibt ungeklärt und zum Ende hin kommt auch Dr. Sebastian Pflugbeil zu einer unerwarteten und überraschenden Erkenntnis: "Für uns in Westeuropa geht von diesem Ding keine Gefahr aus."
Worin liegt also der Skandal? Beim Geld natürlich. Ein Berater des ukrainischen Präsidenten sagt: "Der Sarkophag ist eine Geldwaschanlage", 565 Millionen Dollar wurden bis jetzt von der EU für die "atomare Sicherheit" des durchgebrannten Reaktors ausgegeben, es wurden viele Gutachten und Expertisen geschrieben, weitere 77o Millionen Dollar sollen für den Bau eines zweiten, viel größeren "Sarkophags" ausgegeben werden. Der aber sei, sagt Pfugbeil, nicht nötig, wichtiger wäre es, die 13 noch laufenden Reaktoren vom Typ Tschernobyl abzuschalten.
Leicht verwirrt stellen wir nach einer Stunde fest: Aus dem GAU ist ein Fall von Subventionsschwindel geworden. Die Internationale Atomenergie Agentur hat versagt, jetzt sollte der Bund der Steuerzahler aktiv werden.
www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,246344,00.html -
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