Liebesgrüße aus Deutschland - Weshalb Wladimir Kaminer das Finanzamt, Leberwurst und die deutsche Ordnung mag
Mit seinen Familiengrotesken wie "Mein deutsches Dschungelbuch" oder "Die Reise nach Trullala" gehört der gebürtige Moskauer Wladimir Kaminer zu Deutschlands meistgelesenen Autoren. Seine "Russendisko" in Berlin genießt längst Kultstatus, 2012 kommt der Film mit Mathias Schweighöfer in die deutschen Kinos.
Und jetzt beschäftigt sich der Wahlberliner in seinem neuen Buch "Liebesgrüße aus Deutschland" mit all dem, was Deutschland an Liebenswertem zu bieten hat: Sparkassenberatern, die von jeder Geldanlage abraten, der Aktenordner-Mentalität oder Vegetariern, die gerne Fleisch essen, nur nicht das von Tieren. Typisch deutsch und trotzdem lustig.
ttt besucht Wladimir Kaminer in Berlin und will wissen, was er an Deutschland besonders liebt.
Was ist eigentlich noch normal in Deutschland? Auf der einen Seite alles. Auf der anderen Seite nichts. Für die einen balanciert Deutschland am Abgrund und stirbt aus. Für die anderen -- und zu ihnen gehört der deutsch-russische Schriftsteller Wladimir Kaminer -- entdeckt es sich gerade neu. Oder wird neu entdeckt: nämlich von ihm.
Wladimir Kaminer: "Ich bin durch meinen Beruf als Geschichtenerzähler sehr viel in Deutschland unterwegs. Und ich sehe, dass das Land sich neu formiert. Ich sehe das als jemand, der, obwohl schon 20 Jahre in Deutschland, trotzdem noch einen Außenseiterblick hat. Ich bin und ich bleibe ein Ausländer, glaube ich, ein Leben lang. Eigentlich war ich schon immer Ausländer. Ich hab das immer als eine vorteilhafte Stellung wahrgenommen."
Wladimir Kaminer: aufgewachsen in der Sowjetunion, übergesiedelt in die DDR, zu Hause in Deutschland. Ein Mann, der leichtfüßig zwischen den Systemen wandelt, wie etwa durch den Berliner Mauerpark, wo einst der Todesstreifen war. Sein neues Buch ist ein heiteres Gegenmanifest zum düsteren Untergangsszenario eines Thilo Sarrazin.
Wladimir Kaminer: "Es ist schon ein lustiges Thema. Und ich dachte, in so einem historischen Moment, wo Bundesbanker Bücher schreiben mit dem Titel 'Deutschland schafft sich ab', muss ein Ausländer doch ein Buch rausbringen, das 'Liebesgrüße aus Deutschland' heißt."
Kaminer kam 1990 nach Ostberlin. Er avancierte kurze Zeit später zum Star der Lesebühnenszene und, mit skurrilen und melancholischen Texten, zum Bestsellerautor. Die Katastrophen der deutschen und sowjetischen Vergangenheit durchspuken alle seine Texte. Und verbinden sich bei ihm zu den komischsten Symbiosen.
Wladimir Kaminer: "Am Anfang des Buches erzähle ich über meine Anfänge in Deutschland. Wo wir damals, noch ohne Sprachkenntnisse, einkaufen gingen. Und die einzigen Sätze, die wir kannten, waren Sätze aus alten sowjetischen Kriegsfilmen. Es waren drei Sätze im Grunde. 'Heil Hitler!', 'Das Feuerzeug ist kaputt' und 'Sie können gehen, Barbara!'"
Berühmt wurde Kaminer mit seiner Russendisko, die er alle zwei Wochen als DJ in Berlin veranstaltet. Sie ist immer voll und sie wird jetzt noch voller werden. Das Buch zur Disko hat sich über eine Million Mal verkauft. Mit Matthias Schweighöfer in der Hauptrolle ist es gerade verfilmt worden. Die Geschichte von drei jungen Russen, die in der Wendezeit nach Deutschland kommen, um hier ihr Glück zu machen -- sie ist Kaminers eigene Geschichte.
Autobiographisch sind auch die Texte des neuen Buches. Kaminer entrümpelt deutsch-russische Klischees. Wie ein Schnäppchenjäger vergleicht er die Angebote verschiedener Länder und Zeiten und sucht sich das Beste heraus. Sogar dem Begriffsmonstrum "Einverständniserklärung" kann er positive Einblicke in die deutsche Mentalität abgewinnen.
Wladimir Kaminer: "Einverständniserklärung: Ich musste diese Einverständniserklärung schreiben für meine Tochter und dachte lange darüber nach, wie das auf Russisch heißen würde. Aber bei den Russen gibt es keine Einverständniserklärung, weil die Russen nie danach fragen, ob einer einverstanden ist. Das interessiert niemanden."
Es sind wirklich Liebesgrüße, die Kaminer aus Deutschland sendet. Er lobt seinen Sparkassenberater, der von jeder Geldanlage abrät, und preist Vegetarier, die gern Fleisch essen. Paradox, finden Sie? Aber das ist ja das Schöne.
Wladimir Kaminer: "Für mich ist Deutschland eine wunderbare Illustration des menschlichen Scheiterns. Es hatte ein Stück Sozialismus in sich, es hatte ein Stück Kapitalismus und man sieht heute - ob Marktwirtschaft oder Planwirtschaft -- es scheitert immer wieder. Aber es wäre langweilig für mich, in einem Land zu leben, wo schon alles richtig ist."
Wenn er Recht hat, sollte Deutschland ruhig weiter scheitern. Und Kaminer lesen. Vorsicht ist geboten: "Bücher", hat er einmal gesagt, "sind teuer, dick und machen einsam". Paradox, denn auf seine Bücher trifft das nicht zu. Und genau deshalb lesen wir sie.
Der russische Kishon! Klasse Unterhaltung mit viel Hintergrund und Augenzwinkern ohne Ende. :))
KatiBerlinben 4 months ago 11